Zeit, dass sich was dreht
Frauen in der Schuhbranche
- 14.12.2023
- Petra Steinke
- 7 Minuten
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Frauen in der Schuhbranche
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Headerfoto: Frauen besetzen immer häufiger auch Führungspositionen in der Branche. (Foto: Adobe Stock)
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Im Schuhhandel begegnet man Frauen jeden Tag. Auf den Flächen in Schuhgeschäften und in Fachmärkten herrscht ein deutlicher Überschuss an weiblichen Arbeitskräften. Helmut Wies, Geschäftsführer der ANWR Schuh, schätzt den Frauenanteil in der Belegschaft der zur Verbundgruppe gehörenden Handelsunternehmen auf 85 bis 90%. Auch Führungspositionen im Handel werden inzwischen oft von Frauen bekleidet: Sie sind Filialleiterinnen und Einkaufsverantwortliche. „Der Handel ist feminin“, sagt Julia Steuerwald, Filialleiterin beim Schuhhaus Gerlach in Bad Kissingen. Der Job sei familiengerecht, man könne die Arbeitszeit der Familiensituation gut anpassen. Und immer öfter starten Frauen auch als Unternehmerinnen: Gerade in den letzten Jahren haben sich junge Frauen im Schuhhandel entschieden, die Verantwortung für das Familienunternehmen zu übernehmen. Stephan Krug, Geschäftsführer des SABU, schätzt den Anteil dieser nachrückenden Unternehmerinnen auf aktuell 6 bis 8% – Tendenz steigend. Für die Psychologin und Marktforscherin Ines Imdahl aus Köln ist die Übernahme von Familienunternehmen durch die nächste – weibliche – Generation eine gute Nachricht: „Das könnte ein Indikator für eine positive Entwicklung in Richtung mehr Geschlechtergleichheit im Handel sein. Vielleicht auch einfach, weil durch diese Form des Einstiegs in die Geschäftsleitung die üblichen Beförderungswege umgangen werden. Letztlich ist es wichtig, dass immer mehr Paare auch vorleben, wie Vereinbarkeit geht, so dass Frauen und Männer mehr Möglichkeiten haben, Beruf und Familie gleichermaßen zu leben.“
Auf Industrieseite sieht es mit dem Frauenanteil noch anders aus. Als Produktmanagerinnen, Vertriebsleiterinnen oder gar Geschäftsführerinnen sind Frauen eher noch die Ausnahme. Warum ist das so? „Historisch und kulturell gesehen hatten Männer oft dominierende Rollen in vielen kreativen und geschäftlichen Feldern, einschließlich der Modebranche“, erklärt Ines Imdahl. „Dies könnte teilweise erklären, warum Männer häufig Schuhkollektionen entwerfen.“ Generell sage man dem Weiblichen nach, dass es ihm leichter falle, sich in den Dienst der Menschen zu stellen, sich zu kümmern. „Das würde ich aber nicht so streng den Geschlechtern zuordnen. Viele Männer erleben sich als caring und kümmernd. Viele Frauen haben auch männliche Qualitäten. Dennoch wissen wir natürlich aus vielen Studien, dass Berufe mit eher kümmernden Anforderungen und Dienstleistungen, die eine gewisse Verbeugung vor dem Kunden erfordern eher von Frauen besetzt sind. Dazu tragen auch die Möglichkeiten der Teilzeitarbeit und der damit verbundenen Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei“, erklärt Imdahl.
5
Mio
Frauen im erwerbsfähigen Alter nehmen nicht am Erwerbsleben teil. Häufigster Grund bei den 25- bis 49-Jährigen: Betreuung von Kindern und anderen Familienangehörigen
Im Berufsleben bleiben Frauen immer noch häufig hinter ihren Möglichkeiten zurück. Laut der Personalberatungsund Zeitarbeits-Agentur PEAG nehmen knapp 5 Mio. Frauen im erwerbsfähigen Alter nicht am Erwerbsleben teil. Sie befinden sich weder in Arbeit noch sind sie aktiv auf Jobsuche. Fast die Hälfte von ihnen im Alter zwischen 25 und 49 geben als Grund die Betreuung von Kindern und anderen Familienangehörigen an. In der Regel aus den gleichen Gründen arbeiten 50% der Frauen in Teilzeit. Bei berufstätigen Müttern sind es sogar 69%. „Frauen haben ein großartiges Potenzial, können nicht nur erfolgreich sein, sondern auch die Wirtschaft positiv verändern“, sagte Jasmin Arbabian-Vogel, Präsidentin des Verbandes deutscher Unternehmerinnen (VdU), in einem von PEAG organisierten Meeting zum Thema. Es habe sich gezeigt, dass junge Frauen beim Berufseinstieg besser ausgebildet und divers besetzte Teams ein Erfolgsfaktor für Unternehmen und Gründungen seien. Frauen seien eine wichtige und zugleich unausgeschöpfte Ressource für den Arbeitsmarkt. „Um sie zu aktivieren, muss man moderne Rollenbilder fördern, steuerliche Fehlanreize abschaffen und für eine faire Teilung von familiärer Sorgearbeit die flächendeckende Kinderbetreuung sicherstellen.“ Frauen blieben unter ihrem Niveau und unterhalb der zeitlichen Kontingente, die sie zur Verfügung stellen könnten, wenn sie im Minijob „verweilen“, so Jasmin Arbabian-Vogel. Das sei nichts anderes als „Verschwendung von Ressourcen“.
„Wir können es uns in Deutschland nicht mehr leisten, beim Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf, egal ob für Frau oder Mann, weiter hinterherzuhinken“, ist auch Andreas Schmincke, Geschäftsführer der PEAG Holding GmbH, überzeugt. Viele erwerbstätige Frauen mit Kindern würden ihre Arbeitszeit gern erhöhen. „Stimmen die Schätzungen von Experten, hätten wir rund 670.000 zusätzliche Arbeitskräfte auf dem Markt, wenn allein die rund zwei Mio. Mütter mit jüngstem Kind unter drei Jahren ihre Arbeitswünsche umsetzen könnten.“ Immerhin gehen die Entwicklungen in den zurückliegenden Jahren in die richtige Richtung. Die Erwerbsneigung und Erwerbsbeteiligung insbesondere in Deutschland ist laut der Agentur für Arbeit in den letzten zehn Jahren deutlich gestiegen und im europäischen Vergleich hoch. Jedoch sind Frauen und Männer unterschiedlich in den verschiedenen Formen der Erwerbstätigkeit vertreten. Rund zwei Drittel der Selbstständigen sind Männer. Bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind mehr als die Hälfte männlich, jedoch holen die Frauen hier seit Jahren auf. Die Minijobs hingegen sind fest in Frauenhand. Auch Teilzeitbeschäftigung kommt bei Frauen laut Agentur für Arbeit deutlich häufiger vor als bei Männern. Und: Männer verdienen im Schnitt immer noch mehr als Frauen, auch wenn sich die Schere langsam schließt. In Führungspositionen sind Frauen auch bei gleicher Qualifikation unterrepräsentiert. Und sie stehen erheblich häufiger als Männer vor der Herausforderung, neben der Arbeitssuche allein für die Erziehung eines oder mehrerer Kinder verantwortlich zu sein.
69
%
der berufstätigen Mütter arbeiten in Teilzeit
„Aha, eine Dame“, so beginnt eine amüsante Kurzgeschichte des Schweizerischen Autors Martin Suter. Wer sich da so überrascht äußert, ist der Manager Eberle, der gemeinsam mit seinen Kollegen Stahl und Siegner einen Vormittag mit ernüchternden Bewerbungsgesprächen hinter sich hat. Die nun vorstellige Dame ist Dr. Claudia Staub, die sich für die vakante Position der Marketingleitung interessiert. Sie ist 32 Jahre alt und bringt einiges mit: Studium in St. Gallen, Weiterbildungen in den USA und England, Berufserfahrungen in den Marketingabteilungen mehrerer nationaler und multinationaler Unternehmen. Die Herren blicken über die Fähigkeiten der Bewerberin hin weg und bewerten stattdessen insgeheim ihr Parfum („aufdringlich“), analysieren ihren Hosenanzug („vermutlich dicke Beine“) und befassen sich vorrangig mit der Frage, ob die Bewerberin wohl einen BH trage. Die Geschichte klingt ebenso absurd wie antiquiert – und sie ist lustig. Aber einen wahren Kern hat sie auch: Frauen haben sich ihre Führungspositionen über Jahre erkämpfen müssen und müssen es weiterhin tun – auch gegen Ressentiments. Immer noch kann es vorkommen, dass eine Geschäftsführerin gefragt wird, ob sie die Assistentin des Chefs sei. Die Schuhbranche gehört nicht unbedingt zu den fortschrittlichen, was Frauen in Führungskräften angeht. Auch hier haben sich leitende Angestellte schon mit der Bezeichnung „Mädchen“ abfinden müssen. „Männer und Frauen werden unterschiedlich wahrgenommen. Das ist eben so“, heißt es oft, wenn man mit Frauen über das Thema spricht. Immerhin stellen viele fest, dass sich etwas ändert – auch, weil der Zeitgeist sich ändert.
Durch einen Diversifizierung des Personals können ungeahntes Potenzial geschöpft werden. (Foto: Unsplash)
Frauen sind wertvoll für Unternehmen. Einerseits, weil sie etwas können: So kommt das Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft (RKW) in einer Studie zu Frauen in Führungspositionen zu dem Schluss, dass Unternehmen nicht am Potenzial der Frauen vorbeikommen. „Junge Frauen sind gut qualifiziert, leistungsstark und karriereorientiert. Sie stellen über die Hälfte der Hochschulabsolventen und damit die Mehrheit des potenziellen Fach- und Führungskräftenachwuchses. Sie werden verstärkt in die Fach- und Führungspositionen drängen. Damit wächst der Druck in Unternehmen, Frauen entsprechende Karrierechancen zu eröffnen und den Aufstieg in Spitzenpositionen zu ermöglichen.“ Die ANWR Group gibt für ihre Führungspositionen einen Frauenanteil von über 35% an. Und das soll mehr werden, geht es nach den Verantwortlichen in Mainhausen (siehe Interview mit Vorständin Martina Novotny auf den Seiten 38-41). Ein höherer Frauenanteil in der Führungsetage wirkt sich darüber hinaus positiv auf das Wachstum und den geschäftlichen Erfolg des Unternehmens aus. „Frauen bereichern mit ihren Fähigkeiten, ihrer spezifischen Sichtweise und ihrem persönlichen Stil auch die Kultur und Arbeit im Unternehmen“, so das RKW. Ein ausgewogener Mix der Geschlechter, aber auch der Generationen und Kulturen und damit eine repräsentative Abbildung der Gesellschaft in der Belegschaft könne Mitarbeitermotivation und Kundenzufriedenheit positiv unterstützen.
Mehr Frauen in Unternehmen und in Führungspositionen, dafür bedarf es Flexibilität. Aber nicht nur im Hinblick auf die weibliche Belegschaft. Die Generation Y hat ohnehin ein großes Interesse an flexiblen Arbeitszeiten und -formen und legt Wert auf attraktive Karrierewege und eine gute Work-Life-Balance. Laut RKW bringen speziell Frauen mit ihrem Wunsch nach mehr Flexibilität und einer guten Vereinbarkeit von Familie und Beruf Schwung und Vielfalt in die betriebliche Karriereförderung. „Unternehmen, die dies berücksichtigen, sichern sich erhebliche Vorteile bei der Gewinnung und Bindung von qualifiziertem Personal“, so das Institut. Moderne Betriebe mit internationaler Ausrichtung und Arbeitsteilung verfügten dabei meist über eine Matrixorganisation, die neben der klassischen Statuskarriere auch weitere Modelle wie eine Projekt- oder eine Fachkarriere anbieten. Aufstiegswege können dabei vielfältiger gestaltet werden. Gerade Führungspositionen unterliegen laut RKW immer noch eher traditionellen Rollenbildern und sind von Standards männlicher Lebensrealitäten geprägt. „Wer jedoch das Nachwuchskräftepotenzial konsequent für die Besetzung von Führungspositionen ausschöpfen will, muss den Führungsbereich für die Lebensrealitäten potenzieller Zielgruppen wie Frauen und junge Nachwuchskräfte öffnen. Für Frauen seien beispielsweise Leitungspositionen, die auch in Teilzeit ausgeübt werden können, besser zugänglich. „Vereinbarkeits-Optionen von Beruf und Familie werden in Zukunft auch darüber entscheiden, welches Unternehmen die begehrten guten Fachkräfte für sich gewinnen kann. Frauen werden dabei eine wichtige Rolle spielen“, stellt Ines Imdahl klar.
Design, Mode, Styling – das Kreative wird gern als weibliche Eigenschaft angesehen. „Geht es jedoch darum mit der Kreativität Geld zu verdienen, dann sind es nicht die Frauen“, erklärt Ines Imdahl. In der Riege der Top-Künstler, fänden sich in Deutschland kaum Frauen. „Das gleiche gilt für beinahe alle Führungspositionen. Deutschland lebt hier nach wie vor eine sehr klassische Rollenverteilung. Und Frauen haben es in fast allen Bereichen schwer, in die Leitungspositionen zu kommen. Einfach auch, weil Gleiches gern gleiches nachbesetzt, in dem Fall also Männer die Männer. Und weil immer noch viele Bereiche nicht weit genug denken: Jede Branche ist wirtschaftlich erfolgreicher, wenn sie in der Führung divers aufgestellt ist. Laut einer McKinsey Studie von 2021 um bis zu 36%. Eigentlich also nicht klug, die Frauen nicht in die Führung mit einzubeziehen“, so Imdahl. Dabei wollen Frauen laut der Expertin durchaus führen, „aber sie wollen oft nicht führen wie Männer, sondern wie Frauen. Sie wollen ihre weiblichen Eigenschaften nicht aufgeben, nicht werden wie ein Mann. Einige haben Sorge, dass sie ihre weiblichen, kümmernden, vielleicht eben auch emotionaleren Qualitäten aufgeben müssen.“ Umgekehrt werde häufig das Bedächtige, Überlegte oder Abwartende von – männlichen – Führungskräften als Nicht-Wollen oder Führungsschwäche ausgelegt. „Dabei überlegen Frauen nur genauer, ehe sie sich einlassen. Ein Missverständnis zwischen den Geschlechtern“, stellt die Psychologin klar.
Für einen höheren Frauenanteil müssen sich auch die Arbeitsbedingungen anpassen. (Foto: Adobe Stock)
Was sollten Unternehmer tun, um Frauen mehr Entwicklungsmöglichkeiten zu geben? „Neben den bekannten Mentoring-Programmen, flexiblen Arbeitszeiten und der Förderung von Gleichstellungspolitik sollten Unternehmen sich klar machen, dass Diversität fast generell mehr Erfolg fürs eigene Unternehmen bedeutet“, erklärt Ines Imdahl. „Zum Zweiten sollten sie verstehen, dass Frauen oder besser gesagt Weibliches andere sehr förderliche Qualitäten mit ins Unternehmen einbringt. Das sollten sie zu lesen lernen. Denn einen Mehrwert haben Frauen für Unternehmen vor allem als Frauen. Nicht als Frauen, die sich verhalten wie Männer bzw. sich an das männliche Verhalten auf den Führungsetagen angepasst haben. Zum Dritten haben auch Männer etwas davon, wenn Frauen in Führungspositionen sind: Sie können auch eher für Familie und Kinder da sein, was insbesondere junge Männer sehr oft wünschen.“ Wie hoch sollte der Frauenanteil sein, damit Unternehmen optimal aufgestellt werden? „Ehrlicherweise von beiden gleich viele“, sagt Ines Imdahl. „Solange wir nur einzelne Frauen in den Führungsetagen haben, passen sie sich eher die Verhaltensweisen von Männern zu sehr an. Denn es gelten dann weiterhin die männlichen Regeln. Oft gar unbewusst ohne böse Absicht. Wir verlieren dadurch die weiblichen Qualitäten oft und damit die Vorteile. Erst wenn wir von beiden Geschlechtern gleich viele haben, werden sich beide auch optimal bereichern.“