„Wir sind zu einem D2C-E-Commerce-Unternehmen geworden“
Markus Giesswein im Interview
- 30.01.2025
- Petra Steinke
- 1 Minute
Bitte loggen Sie sich ein, um alle Inhalte abrufen zu können:
Sie haben noch kein Abo?
Jetzt abonnieren und mitlesen!
Markus Giesswein im Interview
Noch kein Abo?
– Alle Artikel lesen
– Alle ePaper lesen
– Alle Newsletter erhalten
Noch kein Abo?
Headerfoto: Markus Giesswein, Geschäftsführer des österreichischen Schuh- und Bekleidungsherstellers Giesswein (Foto: Giesswein)
Sie haben Feedback oder Fragen an das Redaktions-Team?
Sie möchten nichts mehr verpassen?
Abonnieren Sie jetzt unsere Newsletter.
Keine Ausgabe verpassen: Alles aus dem Shoe-Business - kritisch, tiefgründig und vielseitig. 100% Branchenwissen für Ihren Erfolg im Geschäft mit Schuhen. Gedruckt oder als ePaper + alle Inhalte der Website.
Abonnieren Sie den schuhkurier
Welche Pläne verfolgt Giesswein? (Foto: Giesswein)
Markus Giesswein: Das ist ganz simpel. Wir sind zu einem D2C-E-Commerce-Unternehmen geworden und müssen daher ganz anders denken, als man es klassischerweise im Handel tun würde. Für uns gilt der Grundsatz: Aufmerksamkeit ist die härteste digitale Währung. In der speziellen Phase etwa sechs Wochen vor Weihnachten ist der Kunde sehr bereit, neue Dinge auszuprobieren und zu kaufen. Aus diesem Grund haben wir die Aktionen gemacht. Unser Business ist der Distanzhandel. Und da gibt es für einige Kunden Barrieren, einfach weil sie unser Produkt nicht testen und anprobieren können. Daher investieren wir in solche Aktionen auch zur Neukundengewinnung, und das funktioniert sehr, sehr gut.
Unsere Zielgruppe ist, seit es die Merino Runners gibt, jünger geworden. Dennoch gehört der Großteil unserer Kundinnen und Kunden der Altersgruppe 40+ an. Wir versuchen daher, neue Kundengruppen zu erschließen. Twitch ist ein absolutes Sonderformat, weil es sich eigentlich aus der Gamingszene entwickelt hat. Trotzdem glauben wir, dass der Anwendungsfall ideal ist, weil man es beim Gaming, wenn man stundenlang vor dem Bildschirm sitzt, bequem haben möchte. Es geht um den Komfort, und so war unser Gedanke, dass sich unsere Produkte dafür gut eignen.
Man muss das Thema aus einer anderen Perspektive betrachten. Ich glaube zunächst einmal, dass viele Menschen unter 35 Jahren den Unterschied zwischen Baumwolle und Schurwolle nicht unbedingt kennen. Sie wissen nicht, dass Wolle eine Luxusfaser ist. Zum anderen funktioniert die Kommunikation in dieser Zielgruppe ganz anders. Nehmen wir Twitch: Der Influencer spricht über unser Produkt und dazu werden Kommentare eingeblendet. Wir verbuchen das Thema unter Influencer-Werbung und ich würde sagen, die Ergebnisse der Kampagne waren okay. Man muss natürlich immer schauen, wer der richtige Influencer ist. Ähnlich machen wir es auf Youtube und anderen Kanälen. Twitch ist auf jeden Fall ein unterschätzter Werbekanal. Wir werden unsere Strategie immer weiter optimieren und planen für Frühjahr schon die nächste Kampagne.
Wir haben einen D2C-Anteil von 90%. Wholesale ist nicht mehr sehr wichtig für uns. Unser D2C-Anteil ist auch dadurch nochmals gestiegen, dass wir uns vom Amazon Vendor- Programm getrennt haben. Das war Ende 2023.
Wir waren mit Amazon schon seit 2008 im Geschäft. Es gab fantastische Wachstumszahlen. Meine abschließende Analyse dieses Business ist, dass man als Hersteller nicht nachhaltig profitabel mit dem Amazon-Handelsgeschäft wachsen kann. Es rentiert sich kaum. Man hat nicht nur Amazon als Einkäufer, sondern auch die Konkurrenz der anderen. Man kommt also nicht umhin, Werbebudget einzusetzen, wenn man wachsen will. Und dann geht es sich nicht mehr aus. Wir haben entschieden, lieber weniger zu verkaufen. Wir nehmen sehr wohl noch das Marktplatzgeschäft wahr, aber wir machen die sehr aggressive Politik von Amazon nicht mit.
Regelmäßig neue Produkte: Allein 2025 plant Giesswein den Launch von zwölf neuen Styles. (Foto: Giesswein)
Es war nicht unser Ziel, einen bestimmten D2C-Anteil zu erreichen. Die 90% sind ein Ergebnis, das sich eher beiläufig aus den Entscheidungen, die wir getroffen haben, ergeben hat. Tatsächlich glaube ich, dass ein guter Mix mit Wholesale optimal wäre. Für große Marken spielt Wholesale im übrigen eine andere Rolle als für uns, vor allem während unserer Wachstumsphase. Es kommt immer darauf an, wo man sich als Hersteller und Marke gerade befindet.
Man muss das differenzierter sehen. Die fehlende Unterstützung des Handels haben wir wahrgenommen, aber sie war nicht die Basis unserer Entscheidung, uns vom Wholesale zu trennen. Es ging nicht um die Frage, ob wir nun enttäuscht sind. Was wir durch das Verhalten des Handels tun mussten, war, den Vertrieb selbst in die Hand nehmen. Unsere Problemstellung war: Wie machst Du ein Produkt bekannt und wie erzeugst Du Nachfrage für ein Produkt, das keiner kennt? Wenn wir 20 Jahre zurückgehen würden, wäre der Handel sehr wohl in der Lage gewesen, diese Aufgabe zu erfüllen. Meiner Ansicht und unserer Analyse nach hat diese Funktion des Handels leider abgenommen. Unsere Situation damals hatte auch mit unserer Größe und Marktrelevanz zu tun. Wenn ein Top-Lieferant zum stationären Fachhändler kommt und ihm ein neues Produkt erklärt und sagt „Stell das bitte in Deine Auslage“, dann wird der Händler das wahrscheinlich tun. Aber für uns als Hausschuhanbieter hat er das nicht gemacht und auch den inneren Wert des Schuhs nicht erkannt. Also haben wir einen eigenen Weg gefunden. Unser Kundenakquise-System hat es uns erlaubt, immer mehr Geld für Werbung auszugeben und unser Produkt über Videos und Social Media sehr gut zu erklären.
Längst mehr als Hausschuhe: Giesswein bietet auch Accessoires und Outdoor-Schuhe an. (Foto: Giesswein)
Ja, viele Kundinnen und Kunden sind zu ihrem Giesswein-Händler gegangen und haben gesagt: Ich möchte dieses Produkt. Dann gab es aber ein Problem. Wir hatten damals über 3.000 Fachhändler in Deutschland und es gab einen Wildwuchs an Präsentationen. Wir haben mit den Händlern eine Vereinbarung geschlossen, was die Präsentation unserer Produkte angeht. Alle haben unterschrieben, aber kaum jemand hat die Vereinbarung umgesetzt. Alle wollten aber am Online-Erfolg teilhaben. Hinzu kam: Um das System der Onlinewerbung aufrechtzuerhalten, ist es notwendig, dass du die Werbesignale von Google, Facebook und Instagram zurückbekommst. Nur so kann man entscheiden, wo Werbung ausgespielt wird. Das wurde aber durch die Maßnahmen einiger Händler verhindert. Alles zusammen, die schlechte Darstellung am Point of Sale und die fehlenden Werbesignale haben dazu geführt, dass wir gesagt haben: Wir müssen dem Einhalt gebieten und den Wholesale stoppen.
Es war die beste der schlechten Möglichkeiten. Am liebsten hätte ich damals die Händler behalten, die unsere Schuhe stationär anboten, denn es gab ja die Nachfrage der Konsumentinnen und Konsumenten. Es ist nicht so, dass alle nur online kaufen wollen. Aber es blieb uns keine andere Möglichkeit.
Versetzen Sie sich bitte in unsere Lage während der Corona-Pandemie. Die ideale Variante wäre gewesen, der stationäre Handel macht das, was er am besten kann: stationär verkaufen. In der Coronaphase war es für alle notwendig, auch online zu verkaufen. Das war eine absolute Sondersituation. Hätte es die Pandemie nicht gegeben, hätten wir anders entschieden. Angesichts der Lage haben wir uns aber vom deutschen Handel getrennt. In Österreich arbeiten wir weiter mit dem Schuhhandel zusammen. Das hat auch damit zu tun, dass dieser nicht glaubt, dass er auch Onlinehändler sein muss. Die deutschen Händler denken da sehr fortschrittlich. Allerdings glaube ich, dass, wer ein guter stationärer Händler ist, sich wahrscheinlich schwer tun wird, auch ein guter Onlinehändler zu sein. Das sind zwei verschiedene Welten, die Prozesse passen überhaupt nicht zusammen.
Tatsächlich ja. Wir sind als Firma auch in unserer Organisation stark gewachsen. Jetzt können wir schauen, wie wir unser Netzwerk noch optimieren können. Wenn man aber eine Zusammenarbeit neu angeht, dann sollte man es gleich richtig machen, um langfristig durchzuhalten. Und man muss klären, wie es richtig funktionieren kann, damit wir und der Handel uns nicht in die Quere kommen.
Zunächst einmal haben wir keine Handelsvertreter mehr in Deutschland. Einfach weil wir glauben, dass unsere Produkte auch digital abbildbar sind. Und wir arbeiten nicht mehr in den gewohnten Saisons. Wir launchen einfach ein Produkt nach dem anderen. Wir haben also unseren eigenen Rhythmus, und daran muss sich der Handel sicherlich gewöhnen. Das ließe sich aber klären.
Auf Twitch stellen Streamerinnen und Streamer Produkte von Giesswein vor. Die Community diskutiert die Produkte. (Foto: Redaktion)
Weil wir schon seit Jahren keine Messe mehr gemacht haben und ich auch tatsächlich mit kaum einem Händler mehr Kontakt habe, bin ich vielleicht nicht die kompetenteste Person, um das zu beurteilen. Aber ich würde es heute anders formulieren. Es gibt nach wie vor einige sehr gute Händler in Deutschland. Strukturell sehen wir aber Veränderungen im Markt. Und der Handel spielt den großen Vorteil, den er gegenüber dem Onlinehandel hat, nicht richtig aus. Die physische Verfügbarkeit, dass man also ein Produkt probieren und sofort kaufen kann, ist der Hauptvorteil des Handels. Für ein E-Commerce-Unternehmen ist die Retoure das größte Problem. Dieses Problem hat der stationäre Handel nicht. Und das macht ihn an sich sehr profitabel. Er hat also sehr wohl eine Zukunft, aber vielleicht nicht mehr in der Breite, wie es früher war. Der Handel muss allerdings in der Lage sein, einen Schuh nicht einfach ins Regal zu stellen und den Verbraucher selbst entscheiden zu lassen. Da ist vieles verloren gegangen.
Nach wie vor eine wichtige mit ca. 30% der Verkäufe. Aber natürlich hat der Merino Runner-Bereich dieses Segment überflügelt. Beim Hausschuhbereich muss man sehen, dass etwa 50% der Umsätze über Amazon laufen. Das ist horrend, ein Wahnsinn. Es werden sehr viele Hausschuhe online gekauft. Es ist bequem, man muss nirgendwo hingehen, um sie zu kaufen. Und es kommt nicht immer auf die perfekte Passform an. Zugleich glaube ich, dass viele stationäre Händler das Segment vernachlässigen. Da werden Sie wahrscheinlich heute in der Breite kein großes Sortiment mehr finden.
Wir verkaufen unsere Schuhe weltweit. Deutschland, Österreich und die Schweiz sind aber unsere wichtigsten Märkte. Hier verstehen wir unsere Kunden einfach am besten und richten uns nach ihnen aus.
Wir liegen bei 30%, was ein guter Wert ist. Aber das ändert nichts daran, dass Retouren ein Teil des Geschäfts sind. Der Kunde erwartet einfach, dass er diese Möglichkeit hat.
Im Prinzip sehr erfolgreich, muss man sagen. Weil wir uns von Amazon getrennt haben, wachsen wir nicht mehr so stark wie in den vergangenen Jahren. Die allgemeine Konsumzurückhaltung und die Tatsache, dass bestimmte Kundengruppen von Inflation stark betroffen sind, bremsen ebenfalls. Aber insgesamt ist alles bei uns im Lot und wir können wirklich zufrieden sein. Im Jahr 2018/19 haben wir 15 Mio. Euro Umsatz erreicht und 2023 waren es 75 Mio. Euro.
Ich gehe von einem Wachstum zwischen 5 und 10% aus. Es gibt viele verschiedene Einflussfaktoren, daher sind langfristige Prognosen schwierig. Man muss von Monat zu Monat denken. Ich erwarte allerdings keinen Nachfrage-Einbruch.
Wir launchen immer wieder neue Styles. Allein 2025 werden wir 12 neue Schuhmodelle auf den Markt bringen. Es gibt noch jede Menge Entwicklungspotenzial.
Wir sehen großes Potenzial in der Nutzung von KI. Wir sind das Thema vor über einem Jahr angegangen, weil es unglaubliche Möglichkeiten bietet, um effizienter und schneller zu werden. Und ich glaube, derjenige, der als erster auf diesen Zug aufspringt und das Thema gut umsetzt, kann gewaltige Effizienzvorteile für sich herausholen. Die große Herausforderung wird sein, auch die Mitarbeiter mitzunehmen.