Die Auswirkungen des Mindestlohn kann man erst langfristig sehen. Der Effekt, dass Arbeitsplätze abgebaut, nicht nachbesetzt oder gar verlagert werden, zeigt sich doch in schwierigeren wirtschaftlichen Zeiten oder in Branchen, die vom Mindestlohn besonders betroffen sind. Es ist doch unstrittig, dass während Corona im Mindestlohnbereich viele Stellen abgebaut wurden. Die Löhne steigen generell in Deutschland und alle Produkte, die wir aus Deutschland in die Welt exportieren, – da sind z.B. auch die Autos relativ stark betroffen –, werden dadurch teurer und unattraktiver. Durch den Mindestlohn haben wir eher mehr Leute ohne Arbeit und die müssen dann von denen, die den höheren Lohn erhalten, mitbezahlt werden. Zudem klemmt der Export und damit ist das, was eigentlich für Deutschland den Wohlstand gebracht hat, in Gefahr.
Welche Folgen hat die Situation konkret für Berkemann?
Das Thema Mindestlohn ist natürlich kein rein deutsches, sondern ein europäisches Thema. In Ungarn sind die Löhne um 20%, gestiegen, in Kroatien um 30%. Das hat dazu geführt, dass wir wieder darüber nachdenken, unsere Standorte zu verlagern. In Deutschland steht für mich das Thema Reduzierung ganz oben auf der Agenda. In Europa werden wir bleiben, aber wir müssen uns andere Länder suchen beziehungsweise andere Schwerpunkte setzen. Wir haben Produktionsstätten in Ungarn, Kroatien und Tschechien. Und wir nehmen dort jetzt Anpassungen und Verschiebungen vor. Unsere Strategie war immer, stark zu automatisieren, um an unseren europäischen Produktionsstandorten bleiben zu können. Aber 30% Mindestlohnerhöhung bekommen wir nicht mal eben so kompensiert. Und es betrifft ja nicht allein die Lohnkosten. Unsere Materialkosten steigen auch. Wir werden weiter automatisieren und digitalisieren. Die Devise lautet: qualifizierte Mitarbeiter, aber deutlich weniger Mitarbeiter. Hinzu kommt: Da der ganze Arbeitsmarkt vom Mindestlohn betroffen ist, werden die Abstände zwischen den Lohngruppen immer kleiner und es wird immer schwieriger, für qualifizierte Arbeit entsprechende gehaltliche Anreize geben zu können, ohne die Kostensituation ins uferlose geraten zu lassen. Das geht schon beinahe in Richtung Planwirtschaft, was wir hier machen.
Mit Blick auf die kommenden Monate, welche Themen sehen Sie als die größten Herausforderungen für Ihr Unternehmen?
Herausfordernd sind zweifellos die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Ich habe noch keine Angst vor den neuen europäischen Gesetzen, die auf uns zukommen. Aber es macht mich wahnsinnig, wenn ich sehe, dass wir Arbeitsplätze in Deutschland abbauen, die irgendwo anders hin transferiert werden. Und wenn wir dann endlich feststellen, dass es so nicht geht, bekommen wir sie nicht mehr zurück.
Und die Menschen, die gegebenenfalls ihre Arbeit verlieren, wird man künftig nicht in den Fußgängerzonen beim Shoppen treffen…
Ich bin noch gar nicht beim Konsum. Mich beschäftigen auch die Transferleistungen. Das Bürgergeld ist schlecht umgesetzt worden. Es gibt nun viel mehr Geld und Unterstützung für diejenigen, die nicht arbeiten gehen wollen. Ich glaube, dass wir langfristig mit nicht Arbeiten gehen wollen nicht weiterkommen.
Wie ist das Jahr bislang für Berkemann gelaufen?
Ich kann sagen, dass wir in der Corona-Pandemie gute Jahre hatten. Jetzt ist es schwieriger geworden. 2024 ist kein gutes Jahr. Gerade schaue ich aus dem Fenster, die Sonne scheint und die Temperaturen liegen Ende Oktober bei 20 Grad. Da wird es erstmal nichts mit den Filzpantoffeln.
Welche Unternehmen der Berkemann-Gruppe schlagen sich besser, welche schlechter?
Berkemann und Solidus sind das stabile Rückgrat der Gruppe, manchmal performt die eine Firma etwas besser, manchmal die andere. Die beiden Unternehmen gleichen sich recht gut aus. Das Thema Bequem- und Gesundheitsschuhe funktioniert einfach deutlich besser. Marc werden wir zu entsprechender Zeit neu positionieren. Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt dafür, aber es wird auch wieder eine bessere Konsumstimmung bei den Verbrauchern aufkommen. Mit der Kinderschuhmarke Däumling sind wir in einem massiven Umbau. Aber ich sehe, dass wir auf einem guten Weg sind.
Was beinhaltet dieser massive Umbau?
Wir haben die Produktion in Deutschland reduziert sowie Produktion von Portugal nach Ungarn und nach Moldau verlagert. Wir haben die Partnerschaft mit Sympatex wieder gestartet, neue Modelle entwickelt und innovative Materialien eingesetzt. Die Logistik wurde von der Pfalz weg und bei uns in Zeulenroda integriert. Zum 1. November fand der Übergang ins SAP-System statt, sodass wir die Marke auch aus unserem Zentrallager heraus bedienen können.
Sie haben mit der Marke Heinrich Berkemann etwas sehr Interessantes gemacht: Eine neue Kollektion wurde gelauncht, die traditionelle Styles aus dem Holzschuhbereich neu auflegt. Das Thema passt sowohl modisch als auch vom Zeitgeist her in die aktuelle Situation…
Ja, unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit ist diese Kollektion ein Beitrag. Holzschuhe halten grundsätzlich schon einmal 20 Jahre länger als andere Schuhe. Holz ist ein nachwachsender Rohstoff und kann recycelt werden. In den letzten Jahren haben wir uns mit Berkemann stärker im Vertriebskanal Orthopädietechnik und Sanitätshaus entwickelt. Nun kommt auch eine modische Kollektion. Sie hat mit Heinrich Berkemann einen eigenen Namen und bekommt auch einen eigenen Vertrieb. Wir zeigen traditionelle Produkte mit neuer Interpretation. Im Frühjahr 2025 wird das Projekt erst richtig losgehen. Aktuell sind die Modelle nur im Onlineshop erhältlich, sukzessive werden neue Varianten auf den Markt und auch in die Geschäfte kommen. Vertriebstechnisch ist das Thema übrigens ein Shop-in Shop. Man wird Partner, weil man in seinem Marktgebiet eine besondere Positionierung hat, und trägt dafür im Rahmen der Zusammenarbeit wenig Risiko.
Kann man in den aktuell schwierigen Zeiten neue Händler gewinnen oder funktioniert aktuell das Wachstum bei bestehenden Kunden besser?
Aktuell ist es einfacher, die Anteile bei Händlern auszubauen, mit denen man schon arbeitet. Aber das wird auf Dauer natürlich nicht reichen. Es wird nicht ohne neue und andere Händler funktionieren. Und ich glaube auch, dass im Markt Plätze frei werden, weil der eine oder andere Hersteller reduzieren wird. Es sind keine einfachen Zeiten; nicht alle werden im Markt bleiben können. Woran ich arbeite, sind unsere eigenen Themen und Konzepte. Bei Berkemann ist das die Einzelpaarbestellung. Bei Solidus sind es Passform und das orthopädische Fußbett. Bei Däumling ist es WMS. Damit wollen wir punkten. Ich setze sowohl auf den Schuh als auch auf den Service um den Schuh.
Wie ist die Berkemann-Gruppe im EDI-Bereich aufgestellt?
Wir können fast alle Arten des elektronischen Datenaustausches bedienen, mit Berkemann übrigens schon seit drei Jahren, und ich habe nicht den Eindruck, dass im Markt gerade der Knoten geplatzt ist. Das Umdenken hat bei den Händlern noch nicht begonnen. Zaghaft und vorsichtig werden jetzt erste Versuche gemacht. Da sind wir mit unseren Bequem- und Standardschuhen im Vorteil, denn modische Schuhe auf Verdacht ins Lager zu legen, ist schwierig. Eine Kollektion, die auf Langlebigkeit und Kontinuität setzt, ist einfacher zu handeln. Auf der anderen Seite sehen wir, dass häufig wiederkehrende Schuhe gekauft werden. Damit könnte vielmehr Geschäft gemacht werden. Dafür muss man Mitarbeiter auf der Fläche haben, die geschult und in der Lage sind, einen hochwertigen Schuh zu verkaufen.
Was stimmt Sie zuversichtlich?
Die Richtung, die wir mit Däumling eingeschlagen haben. Und wir haben neue Schuhkonzepte sowie im Bereich Einlagen, Fußbetten einige Entwicklungen in Arbeit, die wir im Laufe des nächsten Jahres in den Markt bringen werden. Und ich hoffe, dass künftig stärker auf Diversität gesetzt wird und nicht alle das Gleiche anbieten. Das Internet verhindert, dass man damit erfolgreich ist. Ein Beispiel aus der Bierbranche: Bis vor fünf oder zehn Jahren gab es nur Konsolidierung in dem Markt; immer größere Brauereien entstanden und alle haben das gleiche getrunken. Und auf einmal kamen die Craft-Biere auf den Markt und die Menschen kaufen heute handwerklich interessant gebraute Biere, manchmal mit unkonventionellen Mischungen, aber auch für den entsprechenden Preis. Ich glaube, wir brauchen mehr Vielfalt.