Vorfahrt für EDI
Datenaustausch in der Schuhbranche
- 07.11.2024
- Petra Steinke
- 17 Minuten
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Datenaustausch in der Schuhbranche
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Headerfoto: Die richtige Ware zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort – so kann Schuhhandel erfolgreich funktionieren. Dafür braucht es effiziente Prozesse und EDI. (Foto: Adobe Stock)
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Marc Schreiber: Prozentual kann ich das auf die Schnelle nicht sagen. Aber es ist mein Eindruck, dass ich seit 15 Jahren gegen Mühlen ankämpfe und sich wenig bewegt. Wir müssen über das Mindset reden, sowohl auf Hersteller-, als auch auf Händlerseite. Man muss EDI wirklich wollen und sich dahinterklemmen. Oft wird, wenn es irgendwo hakt, die Verantwortung weitergereicht: Die Warenwirtschaftsanbieter verweisen auf das ECC. Das ECC zeigt auf den Hersteller, der die Daten nicht geliefert hat. Und der Hersteller sagt: Ich habe die Daten schon vor Monaten geliefert. Und dann muss man als Händler hinterherlaufen und ermitteln, woran es wirklich liegt. Oft hat sich dann doch ein kleiner Fehler eingeschlichen. Aber gerade in der Orderphase habe ich keine Zeit, PRICAT-Daten zu suchen. Das ist sehr mühselig.
Roman Degenhardt: Ich beschäftige in meinem Unternehmen eine Person, die sich nur darum kümmert, dass wir einen vernünftigen Datenaustausch hinbekommen, Daten einpflegen, neue Lieferanten anbinden und Daten an Plattformen übergeben können. Das ist mühsam, aber wir sehen auch, dass es Möglichkeiten gibt: Im Dezember 2022 habe ich Ralf Meurer (Gabor) gefragt: Warum können wir eigentlich eure Lieferbestände nicht sehen? Daraus ist Elvis entstanden. Wir müssen weiter am besseren Datenaustausch arbeiten, um eine automatische Nachbestückung hinzubekommen. Gerade sehe ich große Herausforderungen im Bereich Barfußschuhe, mit dem ich mich seit einiger Zeit befasse. Da gibt es vielleicht zwei Hersteller, die aktuell einen PRICAT liefern können. Wir arbeiten daran, dass das mehr werden. Bei den wichtigen großen deutschen Herstellern sind wir mittlerweile gut aufgestellt.
Julian Koschik: Wir haben bei Ara in den vergangenen Jahren massiv aufgestockt, um unseren EDI-Bereich so zu gestalten, dass er vom gesamten Händlermarkt abgerufen werden kann und wir alle Nachrichtenarten bedienen können. Dennoch begegnen viele Händler dem Thema EDI mit Vorbehalten, die von Berührungsängsten über technische Fragen bis hin zu Kostensorgen reichen. Diese Sorgen sind in meinen Augen jedoch gering im Vergleich zu den Vorteilen, die EDI ermöglicht. Eine bessere Aufklärung über die zahlreichen Vorzüge von EDI für alle Beteiligten ist uns daher ein wichtiges Anliegen. Lieferanten und Händler profitieren von einer erheblich vereinfachten Abwicklung durch den Einsatz von Clearing-Centern, die den Datenaustausch standardisieren und beschleunigen. Nachrichtenarten wie PRICAT (Preis- und Katalogdaten), ORDERS (Bestellungen) und DESADV (Lieferavise) lassen sich so nahezu in Echtzeit austauschen. Eine zentrale Herausforderung bleibt jedoch der Umgang mit Artikelstammdaten, insbesondere der Zeitpunkt ihrer Bereitstellung und die Häufigkeit der Verarbeitung durch die Warenwirtschaftssysteme. In intensiven Bestellphasen können Verzögerungen zu Frustrationen führen, was gerade für Einsteiger im EDI-Bereich abschreckend wirken kann. Hier gilt es, an den entscheidenden Stellen nachzusteuern und den Nutzern Unterstützung zu bieten, um langfristig die Vorteile des digitalen Datenaustauschs voll auszuschöpfen. Ara wird auch weiterhin den EDI-Bereich optimieren und setzt auf die Vorteile, die das System für eine moderne und reibungslose Zusammenarbeit im Handel bietet.
Julian Koschik: Der Grund ist, dass auch bei Herstellern die Abteilungen eng zusammenarbeiten und zu einem bestimmten Zeitpunkt möglichst alles an einen Artikel angeheftet haben müssen. Das gelingt oft aus verschiedenen Gründen nicht. Das Gewicht wird beispielsweise erst am Schluss hinzugefügt, das ist beim Anlegen des Artikels noch nicht entscheidend. Es würde uns sehr entgegenkommen, wenn die Wirtschaftssysteme fähig wären, den PRICAT wöchentlich zu aktualisieren, so dass wir nicht alle Daten auf einmal bereitstellen müssen und sie nachpflegen können.
„Wir müssen weiter am besseren Datenaustausch arbeiten, um eine automatische Nachbestückung hinzubekommen.“
Roman Degenhardt|Der Schuhladen Bebra
„Wir müssen über das Mindset reden, sowohl auf Hersteller-, als auch auf Händlerseite.“
Marc Schreiber|Schuhhaus Schreiber
Frank Sauter: Zunächst mal bin ich ein bisschen erschrocken, wenn ich höre, dass es Hersteller gibt, die keinen PRICAT liefern. Das ist doch die Grundbasis für alles andere! Wenn ich auf den Handel blicke, sehe ich zwei Strömungen: Es gibt Händler, die sagen: Um Gottes willen, diese Komplexität der Furnituren, da bekomme ich EDI nicht gestemmt. Andere Händler erkennen: Gerade in diesem Bereich habe ich doch große Vorteile, weil es um eine hohe Anzahl an Artikeln geht, die saisonal sehr stark schwanken bzw. saisonal sehr relevant sind. Wenn man die in eine automatisierte Welt bringt, schafft man eine deutliche Effizienzsteigerung. Wenn es um die Frage der Hürden geht, muss man nicht gleich im eigenen Warenwirtschaftssystem in die NOS-Welt gehen, sondern kann auch VMI, Vendor Managed Inventory, beleuchten: Wir parametrisieren und definieren in unserem System Min-, Max- und Auslösebestände. Vielleicht muss man manchmal auch kleiner anfangen, nämlich mit den Artikelstammdaten, mit dem PRICAT, und dann eine bewusste Entscheidung treffen: Ist denn Vendor Managed Inventory der richtige Weg für mich oder ist es Buyer Managed Inventory? Unsere Überzeugung ist, dass gerade das kleinteilige Geschäft der Furnituren prädestiniert ist, in einem engen Austausch die Nachsortierung zu automatisieren. Der Handel will eine Drehzahl- und Bestandsoptimierung. Die Industrie will die Auftragsgröße in einem sinnvollen Limit halten, ebenso Lieferfrequenzen und -rhythmen. Und beide haben das Ziel, die Verfügbarkeit hoch zu halten. Der nicht verkaufte Artikel ist für beide die schlimmste Variante. Unser Außendienst hat nicht mehr die Kernaufgabe, Aufträge einzuholen. Vielmehr geht es darum, Sortimente und POS zu optimieren und Verkaufspersonal zu schulen. Und da sollte doch der Auftragsfluss gerade bei den vielen Positionen, die wir haben, unbedingt automatisiert werden. Ich denke, dass unser Innendienst und auch die Key Accounter mindestens 20% ihrer Arbeitszeit mit dem Thema EDI verbringen. Und das sehe ich positiv!
Marc Schreiber: Das Furniturenthema ist ein wunderbarer Bereich, um einzusteigen. Wir sind damit sehr zufrieden. Ich würde dazu raten, mit kleinen Schritten anzufangen und das Thema stetig auszubauen. Auch hier können natürlich Stolpersteine liegen: Wir haben uns vor einiger Zeit im Furniturenbereich mit einem elektronischen Lieferschein befasst. Das haben wir irgendwann aufgegeben, weil die Ware immer viel schneller da war als der Lieferschein. Wir mussten also hinterhertelefonieren.
Roman Degenhardt: Es gibt noch einiges zu optimieren. Etwa bei Flashprogrammen, die am nächsten Tag geliefert werden. Es gibt Hersteller, bei denen ein allgemeiner PRICAT freigeschaltet ist, das erleichtert vieles. Bei anderen gibt es einen kundenspezifischen PRICAT, der manchmal erst nach der Lieferung der Ware bereitgestellt wird. Wir arbeiten daran, diese Dinge abzuarbeiten. Das ECC ist dabei manchmal gar nicht das Problem, sondern die Schnittstelle zur Warenwirtschaft ist es. Und wir haben in der Branche mehrere Systeme. Es ist eine Sisyphus-Arbeit. Wichtig ist es, den Händlern die Angst zu nehmen. Als wir Elvis und Dave im Sommer auf der Messe in Mainhausen vorgestellt haben, gab es viele positive Reaktionen. Darum ist es wichtig, dass Händler ihre Erfahrungen teilen und das ECC und #schuhhandelhatzukunft Schulungen anbieten.
„Es würde uns sehr entgegenkommen, wenn die Warenwirtschaftssysteme fähig wären, den PRICAT wöchentlich zu aktualisieren.“
Julian Koschik|Ara
Thomas Hüser: Ich könnte mindestens ein Drittel meiner Arbeitszeit einsparen oder sinnvoller nutzen. Ein weiteres Drittel geht dann noch für Bürokratie drauf. Herr Sauter hat mir aus der Seele gesprochen. EDI wird oft als eierlegende Wollmilchsau verkauft. Aber: Wenn ich viele Hasen fangen will, dann fange ich keinen. Darum stimme ich zu, dass es sinnvoll ist, erstmal klein anzufangen, zum Beispiel mit Furnituren, mit PRICATs oder den EANs. Man sollte nicht sagen: Hey, ich stelle auf EDI um und in einem Vierteljahr habe ich dieses Drittel Zeitvorteil, das ich gerade in den Raum geworfen habe. Für mich liegt ein wesentlicher Engpass aber immer noch auf Lieferantenseite. Ich habe den Eindruck, dass das Silodenken der einzelnen Abteilungen – Außendienst, Innendienst, Marketing, Technik – dort noch gar nicht aufgebrochen worden ist. Ich treffe auf Verkäufer, Innendienstler und Marketingverantwortliche mit jeweils unterschiedlichen Aussagen zum Thema EDI – wenn ich überhaupt vom Vertrieb diese Ansprechpartner genannt bekomme oder meine Anfrage weitergeleitet wird. Die Devise der Industrie sollte doch sein: Mach es dem Händler einfach. Der will deine Produkte verkaufen. Was braucht er dazu? Und dann ist das Datenthema einfach auf einmal ein Riesenschlüssel zum gemeinsamen Erfolg.
Stefan Nicolai: Die neue Gesellschafterstruktur aus ANWR, SABU und HDSL hat uns eine starke Basis gegeben. Für das operative Geschäft ist aber wichtiger, dass es jetzt einen deutlich besseren Austausch über die gesamte Kette gibt. Und da muss ich jetzt einfach mal den BTE-Arbeitskreis loben und auch die Initiative #schuhhandelhatzukunft. Für mich wird über das Thema so offen und so intensiv gesprochen wie selten. EDI ist wie ein Puzzle, es stecken viele Aspekte drin. Wir müssen diese Puzzlestücke zusammenbringen. Und es nutzt nichts, dass Julian Koschik und ich uns einig sind zum Thema Datenaustausch, wenn die Warenwirtschaft das nicht umsetzen kann. Das ist alles müßig und kleinteilig. Aber wir müssen diesen Schritt und diese Energieleistung gemeinsam stemmen, damit wir zum Erfolg kommen. Das funktioniert im BTE-Arbeitskreis: Es sind alle Parteien an einem Tisch und der Prozess wird ganzheitlich durchgesprochen. Zwei Dinge fehlen mir noch in der Branche: Es gibt immer noch Lieferanten, die keine Daten liefern. Aktuell haben wir einen Umsatzanteil von 35% im Internet. Es kann doch nicht sein, dass ein Lieferant sagt: Ich verzichte darauf, indem ich die Stammdaten ignoriere! Und beim Handel erlebe ich oft, dass der Transfer von den Prozessen der Vergangenheit hin zu EDI nicht funktioniert. Dafür muss der Händler sein Doing anpassen. Geht es voran? Wir haben in Summe einen ganz guten Job gemacht, indem weniger Dinge liegen bleiben und Probleme schneller bearbeitet werden.
Stefan Nicolai: Bei den wichtigsten 50 bis 80 Lieferanten können wir festhalten, dass diese zumindest Stammdaten liefern. Da gibt es natürlich Abstufungen in der Frage, ob auch E Commerce unterstützt oder der Artikel einfach nur in der Warenwirtschaft verwaltet wird. Die Unternehmen, die EDI nicht unterstützen, sind mehrheitlich klein. Sie schrecken womöglich vor den Kosten zurück oder haben bislang die Notwendigkeit nicht gesehen. Die auf uns zukommenden Gesetze werden hier aber eine gewisse Klarheit bringen. Um die Nachverfolgbarkeit von Produkten sicherzustellen, muss man sich mit der GTIN auseinandersetzen. Ich erhoffe mir daher von diesen neuen Auflagen auch einen gewissen Hebel. Und es ist dann kein deutsches, sondern ein europäisches Thema.
Stefan Nicolai: Wir sind mit unseren Gesellschaftern, vor allem ANWR und SABU, im Bereich Workshops aktiv. Wir stellen häufig fest, dass der letzte Schritt zur Warenwirtschaft fehlt. Die wissen natürlich, wie der Prozess funktioniert, aber der letzte Connect, der letzte Um setzungsschritt ist nicht da. Und das macht es für den Händler immer noch schwierig. Er hat gewissermaßen eine Anleitung, aber beim ersten Amtsgang bräuchte er Begleitung.
Marc Schreiber: Der Förderauftrag liegt meiner Meinung nach bei den Verbundgruppen. Die sind aber keine Spezialisten für Warenwirtschaft. Und die Warenwirtschaftsanbieter haben nicht die Kapazitäten, diese Begleitung zu ermöglichen, denn das ist komplex. Bis es richtig läuft, muss probiert werden. Man muss immer wieder schauen, wo es hakt. Ich glaube, es gibt genug Händler, die den Durchhaltewillen nicht haben und sowieso zweifeln, ob das alles sinnvoll ist.
„Es ist Aufgabe des Managements, zu überlegen, wo man Kosten sparen kann, wenn man bewusst in Prozesse wie EDI investiert.“
Frank Sauter|BNS
Frank Sauter: Wer EDI nutzt, bekommt eine Rechnung. Diese Kosten sind erstmal da. Auf der anderen Seite ist es daher die Hauptaufgabe, in dem Prozess auf Handelsseite auch Kosten zu sparen. Beispiel elektronischer Lieferschein. Wie wird der Wareneingang in der Regel immer noch eingebucht? Das passiert traditionell manuell in der Filiale. Es gibt einen Lieferschein und der wird abgehakt. Wenn etwas fehlt, wird es später dazugebucht. Ein elektronischer Lieferschein würde hier unglaublich viel einsparen! Anderes Beispiel: Mit einem NVE-Etikett auf dem Karton kann der gesamte Sendungsinhalt mit einem Scan zugebucht werden. Es ist Aufgabe des Managements, zu überlegen, wo man Kosten sparen kann, wenn man bewusst in Prozesse wie EDI investiert. Der Handel klagt, dass er kein Personal mehr findet und die Personalkosten zugleich steigen. Also müsste man die Dinge einfach sauber gegeneinander aufrechnen. Die Vorteile, die durch Digitalisierung entstehen, überwiegen die Kosten für die EDI-Anbindung deutlich, wenn EDI gut betrieben wird.
Julian Koschik: Ja, sicherlich, das Thema kommt vor. Die jüngeren Händler sind allerdings eher bereit, direkt aufzuspringen. Die möchten möglichst alles digital nachvollziehbar haben. Aber eingesessene Händler scheuen oft den Absprung nach dem Motto: Ich bin jetzt so lange ohne ausgekommen, mein Geschäft läuft, wir leben eh in schwierigen Zeiten und müssen an allen Ecken genau hingucken, ich bin jetzt nicht auch noch bereit, zusätzlich etwas zu zahlen. Wir kommen dem häufig entgegen. Wir sind bereit, es dem Händler so leicht wie möglich zu machen, und übernehmen die Kosten. Denn Digitalisierung ist eine Bereicherung auch für uns und man wird die Effekte in kürzester Zeit spüren.
Julian Koschik: Ja. Ich nehme auch wahr, dass ein gewisser Zug aufkommt, weil stärker öffentlich über das Thema gesprochen wird. Toll finde ich die Videos, in denen etwa das Team des ECC oder auch Warenwirtschaftsanbieter Schritt für Schritt erklären, wie EDI funktioniert. Brandt Software hat eine schöne Videoreihe in ihre Hilfe-Seite integriert,
die gut erklärt, wie EDI konfiguriert wird. Wenn wir ehrlich sind: Die Anbieter haben auch nicht die Kapazitäten, um deutschlandweit bei allen Händlern die Konfiguration durchzuführen. In vielen Backoffices im Handel stehen mittlerweile zwei Monitore. Auf dem einen kann man sich das Erklär-Video anschauen, auf dem anderen führt man die Schritte selbst aus. Durch solche Maßnahmen werden in den nächsten Jahren sicherlich mehr Händler aufspringen.
Roman Degenhardt: Genau da müssen wir ansetzen und die Vorteile besser rüberbringen. Wir von #schuhhandelhatzukunft unterstützen das mit Video-Calls, in denen Händler ihren Kolleginnen und Kollegen zeigen, wie sie EDI in der Praxis nutzen und wieviel Ersparnis es ihnen bringt. Wenn Lieferanten keinen PRICAT liefern, ist das schlicht der Horror. Im schlimmsten Fall bekommt man eine Excel-Tabelle, in der dann irgendeine Spalte fehlt, weshalb man alles nacheinander mit dem Lieferanten koordinieren muss. Oft fehlen weitere Informationen, zum Beispiel die Größen, die man nicht bestellt hat. Wenn man einen Artikel anlegt, will man diese Größen trotzdem mit aufführen, denn es gibt sie ja und man könnte sie später bestellen wollen. Wenn ich 30 Artikel mit Hilfe von Excel-Tabellen anlegen will, ist ein IT-ler in meinem Unternehmen fünf Stunden beschäftigt. Mit EDI dauert es fünf Sekunden, bis der Auftrag des Lieferanten im System ist. Darum bin ich dazu übergegangen, den betroffenen Lieferanten zu sagen: Es wird zukünftig keinen Auftrag mehr geben, wenn Du bis dahin keinen PRICAT lieferst. Das tun mittlerweile auch andere Händler. Wenn wir das gemeinschaftlich machen, werden wir mehr Lieferanten überzeugen können.
Marc Schreiber: Ein wichtiger Punkt ist für mich, dass man viele Dinge selbst herausfinden muss. Da geht der Ball gleich mal an Stefan Nicolai: In den CSV-Dateien von einigen Lieferanten sind viel umfangreichere Daten enthalten, als das ECC uns liefert. Das ist der Punkt, den ich bis heute nicht verstehe: Die Lieferanten haben doch alle ihr SAP- oder ähnliches System für ihre Produktion. Da steht genau drin, welche Materialien verwendet werden, wo der Schuh produziert wird etc.. Warum ist es so schwierig, die notwendigen Felder zu definieren und sie über das ECC zu uns rüberzureichen? Der Status Quo ist doch ein PRICAT. Da stehen EK und UVP drin, da sind die EAN Codes drin oder GTINs und eventuell irgendwelche Fantasiebezeichnungen für Lederarten oder Farben, mit denen niemand was anfangen kann. Und dann hört es schon auf. Dabei brauchen wir doch gerade für den Onlinehandel viel mehr Informationen.
Stefan Nicolai: Die Erfahrung zeigt, dass gerade die beschreibenden Informationen nicht durch den kompletten Produktionsprozess gehen, sondern immer wieder gerne in einem PIM sind oder in einer separaten Informationsschleife. Das heißt, in dem ureigenen ERP System der Industrie sind nicht immer alle Infos enthalten. Wir erhalten also oftmals auch einen klassischen PRICAT, der dann noch angereichert wird. Das ist auch die Erklärung dafür, dass Lieferanten immer noch per Excel oder CSV liefern. Zum einen ist nicht jedem Lieferanten klar, dass er uns kostenlos die zusätzlichen Informationen liefern kann. Wenn er vernünftig einliefert, sind nicht mal eine Anbindung oder Mappingkosten fällig. Zum anderen glaube ich, dass, solange es den einfachen Weg „Ich schicke ein CSV raus und der Händler ist damit auch zufrieden“ gibt, der Lieferant keine Notwendigkeit sieht, etwas daran zu ändern. Bei kleinen Unternehmen, die einen Dienstleister für ihre Prozesse haben, muss man bedenken: Jede Anforderung, die wir haben oder die wir jetzt umsetzen, endet sofort in 1.000 plus x Euro, die dieser Dienstleister für die Anpassung in Rechnung stellt.
„Unsere Aufgabe ist es, zu sagen: Mach das nicht nur mit einem Lieferanten, sondern mach es mit 20, denn dann werden die Kosten zu Erträgen.“
Stefan Nicolai|ECC
Stefan Nicolai: Ich arbeite derzeit mit den WWS-Partnern intensiv an dieser Transparenz. Es nützt mir nichts, wenn ich sage, dass EDI bei uns 2,50 Euro kostet – und dann kommt der Warenwirtschaftsanbieter und sagt: Bei mir kommen nochmal 10 Euro drauf. Spielen wir das mal durch: Wir sagen, jemand hatte bis maximal einen H2-Datensatz und möchte nun mit EDI starten. Für den Händler würde das bei einer umfassenden Datenversorgung 40 Euro Grundgebühr bedeuten. Wenn er EDI macht, kommen auf jeden Fall 2,50 Euro für einen Lieferanten dazu, das macht 42,50 Euro. Ein EDI-Modul mit Stammdaten kostet bei einem Warenwirtschaftsanbieter um die 100 Euro – da sind wir schon bei 142,50 Euro. Das ist für jemanden, der vorher keine Extrakosten hatte, eine ganze Menge. Unsere Aufgabe ist es, zu sagen: Das ist deine Zeitersparnis und mach das nicht nur mit einem Lieferanten, sondern mach es mit 20, denn dann werden die Kosten zu Erträgen.
Thomas Hüser: Bei uns belaufen sich die monatlichen Kosten insgesamt auf ca. 113 Euro. Das würde ich als Händler aber alles in Kauf nehmen. Mir fehlt bloß die Perspektive. Ich baue ja Parallelwelten auf. Wir leisten uns den Luxus, zu unseren 120 Lieferanten in jeder Saison fünf bis zehn neue dazu aufzunehmen. Das möchten wir nicht aufgeben, weil es unsere Philosophie ist. Wir wollen Kunden überraschen und ihnen etwas Neues zeigen. Ich habe leider nicht die Marktmacht zu sagen: Ohne EDI Anbindungliste ich dich nicht, einfach weil meine Aufträge nicht so groß sind. 20% meiner Lieferanten können und wollen EDI und unterstützen mich. Aber alle anderen Prozesse muss ich ja nach alten Muster machen. Für einen Einstieg in das Thema würde ich mir wünschen, dass sich drei Akteure, Lieferant, ECC oder vielleicht jemand von den Einkaufsvereinigungen, bereit erklären zu sagen: Den nehmen wir jetzt an die Hand und machen mal EDI ganz einfach in acht Schritten. Das Ganze dokumentieren wir und dann sehen auch andere Händler, was passieren kann. Elvis ist optimal, um einen Einstieg zu schaffen, weil das Produkt unmittelbar erlebbar ist und der Vorteil sofort sichtbar. Insgesamt würde ich mir bei EDI wünschen, diese Welt würde mir einfacher gemacht.
Stefan Nicolai: Es ist ganz klassisch: Steter Tropfen höhlt den Stein. Wenn es 1.520 Händler nicht akzeptieren, dass keine Daten geliefert werden, sondern immer wieder darauf drängen, dass Daten geliefert werden müssen, dann kann ein Umdenken stattfinden. Wenn wir als ECC aufschlagen und sagen, ja, du solltest jetzt Daten liefern, sagt der Lieferant: Der Handel fragt nicht danach, warum soll ich dafür Geld bezahlen?
Thomas Hüser: Klar, der stete Tropfen höhlt den Stein. Nur mit wem rede ich da? Wir vollziehen in unserem Haus den Generationswechsel. Mein Sohn hat seinerzeit vor einem Messebesuch gesagt: Komm, lass den Schreibblock zuhause, wir gehen jetzt alles digital an. Damals habe ich ihm geantwortet: Warte mal ab, wie viele Durchschreibeblöcke noch auf
den Tischen liegen! Ich könnte durchaus mal mit einem Informationsflyer zum Thema EDI durch die Messehallen gehen, nur weiß ich nicht, ob diese Themen überhaupt von den Vertriebsteams in Ihren Häusern weiter adressiert werden.
Roman Degenhardt: Das ist Fakt. Es war kein Hexenwerk, denn die Daten wurden teilweise schon an das ECC geliefert. Wir mussten nur ein paar Veränderungen vornehmen dahingehend, wie sie gemeldet werden. Die große Hürde war, dass es zunächst keine Schnittstelle bei den Warenwirtschaftssystemen gab. Aktuell haben wir ein vergleichbares Thema mit den Musteraufträgen. Wir setzen alles daran, dass diese schnell zu möglichst vielen Händlern durchdringen. Das ECC ist im Hinblick auf die Programmierung in vielen Fällen voraus. Nun kommt es auf die Sensibilität der Warenwirtschaftsanbieter an: Wann setzen sie Themen um und wie viele Ressourcen haben sie dafür zur Verfügung? Wenn etwas programmiert wird, sind das dann neue, kostenpflichtige Tools oder fallen sie in das nächste Update hinein? Da gibt es sehr unterschiedliche Herangehensweisen.
Marc Schreiber: Ein gutes Stichwort: Wir arbeiten seit über 15 Jahren mit Musteraufträgen, weil wir die Notwendigkeit haben, eine ordentliche Limitplanung zu machen. Und das geht manchmal nicht. Ich habe das Gefühl, dass sowohl die Lieferanten als auch die Warenwirtschaftshersteller vom Thema Musteraufträge vor drei, vier, fünf Jahren das erste Mal gehört haben. Da wünsche ich mir, dass man mit uns redet und schaut, wie wir arbeiten! Und es muss doch nicht immer sein, dass der Händler seine Arbeitsweise an die EDV anpasst. Es kann sicher auch mal andersrum gehen – oder es sollte sogar andersrum gehen! Ich habe noch einen heiklen Punkt zwischen Händler und Lieferant: Durch Elvis und die automatische Nachbestellung hat der Händler natürlich ein Interesse daran, die Lagerkapazitäten in Richtung Hersteller zu verschieben. Und ich bin relativ sicher, dass es jede Menge Hersteller gibt, die nicht vorhalten und auch nicht vorhalten wollen, weil Lagerbestände ja böse sind. Lagerbestände binden Kapital. Ich könnte ein paar Lieferanten nennen, bei denen wir ohne Ende nachbestellen könnten, die aber einfach nicht liefern können. Da heißt es nach wie vor, der Kunde möge bitte seine Vororder platzieren, und mehr wird nicht diskutiert.
Marc Schreiber: Wir reden heute viel über Probleme, aber es gibt auch positive Beispiele. Es ist weithin bekannt, dass Lloyd ein umfangreiches Lager unterhält. Wenn ich mit meinem Vertreter arbeite, dann gehen wir nicht als erstes an die Kollektion, sondern wir gucken uns zunächst unsere NOS-Artikel an oder die Artikel, die wir automatisch nachsortieren. Wir definieren diese neu unter Berücksichtigung des Saisonwechsels. Und wir haben relativ große Erfolge damit, dass diese Artikel automatisch nach bestellt werden. Ich wundere und freue mich, wie viele Umsätze ich still und heimlich über manchen schwarzen Standard-Herrenschuh gemacht habe, der sich einfach dreht. Bei manchen Lieferanten ist noch nicht angekommen, wie viel Potenzial darin steckt.
Frank Sauter: Ich möchte noch ein Wort zu den Ansprechpartnern verlieren. Bei uns ist der Außendienst in Sachen EDI gebrieft. Er hat eine Checkliste, die gemeinsam mit dem Händler bearbeitet wird. Darin geht es um Fragen wie „Welches Warenwirtschaftssystem hast Du?“, „Hast Du Interesse an EDI?“ „Bist Du angebunden?“ „Willst Du VMI machen?“ Diese Liste wird an den Innendienst transferiert – dafür brauche ich keinen Verkaufsleiter – und dann gibt es noch mal ein Gespräch mit dem Händler und alles weitere auf den Weg gebracht. So können eventuelle Missverständnisse gleich ausgeschlossen werden. Deshalb kann ich nur in Richtung Industrie empfehlen, den Außendienst zu sensibilisieren und die Infos dann ins Unternehmen zu den Experten zu tragen. Dann geht alles relativ reibungslos.
Thomas Hüser: Das war der Grund, warum wir EDI mit BNS gestartet haben, weil es so problemlos funktionierte. Der Außendienst stellte uns ein paar Fragen zu unseren Vorstellungen, dann gab es die Antwort „Ich kümmere mich darum“ und die Infos wurden weitergegeben. Damit war die Verbindung hergestellt und ruckzuck war alles implementiert.
Stefan Nicolai: Wir arbeiten unter anderem daran, die Vorteile von EDI zu kommunizieren. In unseren Videos erklären wir die EDI-Nachrichten und ihre Vorteile. Dann gibt es einen Part, wo ein Händler aus der Praxis berichtet. Der dritte Part ist die Schritt-für-Schritt Erklärung der Installation. Dabei erklären wir auch, welche Module nötig sind und welche Kosten entstehen. Wir pushen diese Informationen über Newsletter und andere Wege, aber es kommt noch nicht genügend Fahrt auf. Wir werden diese Themen auch in der ANWR- und SABU-Wissenswelt platzieren, um eine breite Audience zu gewinnen. Ich habe große Hoffnung, dass dieses sehr dedizierte und runtergebrochene „how to“ dem Händler hilft, die noch vorhandenen Hürden zu nehmen.