Früher war das Smartphone noch ein Luxusgut. Der Mensch wurde dadurch zu jeder Zeit erreichbar, alles konnte seitdem schneller nachgeprüft werden, Kontakt zu anderen Menschen wurde viel leichter. Heute ist es Luxus, wenn man Abschalten kann – das Handy und damit die Dauer-Interaktion mit der virtuellen Welt. Und doch scheint es so, als meide die junge Generation, die an Smartphone, Video-Chat und Co. gewöhnt ist, jede analoge Kommunikation, den realen sozialen Austausch. Der Kaffeeklatsch mit Freunden muss terminlich eingeplant werden, dabei ist es doch so viel leichter, bereits morgens mit tausenden Followern über Instagram und Snapchat zu interagieren. Das dauert zwei Minuten, das läuft so nebenbei. Der digitale Moment scheint zur wichtigen Konstante geworden zu sein – analog, okay, aber bitte instagramtauglich. Insbesondere im Handel wird die Thematik aktuell breit diskutiert, denn die neue Denkweise hat Folgen. Der Konsument erwartet mehr von den Stores. Retail-Flächen müssen zum Erlebnis-Paradies werden. Auch dann, wenn der Kunde das Interieur nur noch durch die Linse der Handykamera wahrnimmt.
Doch entspricht das Horror-Szenario der sozialen Isolation, der Smartphone-Generation, die geistesabwesend, nach unten blickend durch die Straßen schlendert und gegen die ein oder andere Laterne läuft, wirklich der Realität?
I love shoes hat einen Blick auf das neue Kommunikationsverständnis der Digitalmoderne geworfen.
Optimisten sagen: Nein!
Das Smartphone löst lediglich zunehmend die Print-Medien ab. Früher hat man in der Bahn eben die Zeitung oder einen guten Roman gelesen, heute checken viele News-Streams und Instagram-Feeds. Fremde Menschen wurden demzufolge auch vor der Geburtsstunde des Smartphones nicht mit strahlendem Lächeln im Gesicht angesprochen. Zwar finden andere Menschen tatsächlich oftmals keinen richtigen Zugang zu der abgeschiedenen, digitalen Parallelwelt des versunkenen Handy-Users, aber das war auch bei Roman-Lesern der Fall. Zu spannend der Krimi, zu verstrickt die dramatische Liebesbeziehung. Da will man nicht abgelenkt werden, da soll niemand stören.
Auch das permanente Teilen des eigenen Lebens via Facebook, Snapchat und Co. wird als ’normal‘ eingestuft. Es wird als Form des Geschichtenerzählens, des Selbstausdrucks verstanden. Früher schrieben die Menschen Briefe, führten Tagebuch, ließen ihre Lesermeinungen in Magazinen publizieren oder zeichneten Bilder. Heute teilen die Menschen ihr Frühstück per Foto-Aufnahme mit einer virtuellen Community. Im Kern bleibt es bei der Darstellung des Selbst, der Mitteilung von Gedanken, Gewohnheiten, Gefühlen. Und davon leben Menschen, denn das Selbstbild setzt zum einen durch die Eigenwahrnehmung und zum anderen aus dem Feedback von Außenstehenden zusammen. Hierbei handelt es sich um eine psychologische Grundkonstante – warum also nicht schnell Feedback von 10.000 Abonnenten via Facebook beziehen?
Viele, die auf dem Nachhauseweg nach der Arbeit auf die Handys starren, brauchen vielleicht nach einem Tag voller Interaktion schlicht ihre Ruhe und die digitale Parallelwelt bietet diesen Rückzugsort.
Die Karikatur ’Handy-Zombie‘ – also nichts weiter als eine düstere Prognose einer alternden, technikfeindlichen Gesellschaftsschicht?
Nein, sagen dazu die Vertreter der Negativ-Sicht auf die Digitalisierung.
Das Anschauen inhaltsloser Kurzvideos und gestellter Fotografien sorge für soziale Verdummung, Kommunikationsfeindlichkeit und eine Ablehnungshaltung gegenüber dem analogen Austausch. Außerdem mache es unzufrieden, da sich das Individuum unbewusst mit den Instagram-Schönheiten vergleiche. Er hat schönere Haare als ich, sie ist vier Jahre jünger als ich und hat bereits eine Eigentumswohnung, der Hund hört viel besser als meiner und ihr Frühstück hätte ich auch gern – Social-Media-Content ist gestellt, geschönt, von Filtern überzogen, was aber immer wieder in Vergessenheit gerate und langfristig für Unzufriedenheit sorge.
Nicht zuletzt ist da noch der Kommunikationsaspekt, denn Digitalisierungsskeptiker sehen in der virtuellen Kommunikation nur einen Abklatsch der realen Welt. Persönlicher Kontakt wird höher gewertet, aber stirbt dieser durch das Smartphone wirklich aus oder wird er lediglich um virtuelle Tools ergänzt?
Ob Fürsprecher oder Pessimist
Die Digitalisierung bringt viele, unbekannte Größen in das soziale Leben. Die Folgen davon sind noch nicht absehbar und aktuell befindet sich die Welt erst in der Phase der Integration der technischen Geräte.
Eins ist aber schon jetzt sicher: Vereinzeltes Abschalten tut gut, einige Zeit nicht erreichbar sein, erst recht.