Andreas Neuhaus liebt seinen Heimatort Brühl und wäre wahrscheinlich ein guter City-Guide, der zu jedem Stein eine Anekdote zu erzählen wüsste. Wer die an Köln grenzende Stadt nur vom Phantasialand kennt, der wird im in dieser Ausgabe veröffentlichten Portrait über das von Neuhaus geführte Schuhhaus Winterscheid eine ganz neue Wertschätzung für den 46.000-Einwohner-Ort gewinnen. So nimmt der Händler einen mit auf den Weg zum neuen Rathaus (das „sogar gut aussieht“), zur benachbarten Modehändlerin und zum ehemaligen Kaufhof, der zurzeit unter der Flagge von Sinn wieder die Frequenz in der Gegend steigere. Es ist eine gut sortierte Kleinstadt, die trotz einiger Leerstände funktioniert.
Wichtig sind gerade für eine Kleinstadt die Menschen, die sich aktiv dafür einsetzen, sie aufrechtzuerhalten. Das Schuhhaus Winterscheid ist ein seit 76 Jahren bestehender Traditionsstandort, der genauso gut hätte schließen können wie viele traditionsreiche Geschäfte in anderen Städten. Neuhaus habe den Laden von der in Rente gehenden Inhaberin übernommen, um den Namen lebendig zu halten, wie er sagt. Das tut er, indem er das Geschäft selbst frisch hält. Die motivierten Mitarbeitenden gestalten den Laden alle paar Wochen neu und er selbst besucht viele Messen, um neue und inspirierende Styles zu suchen. Und während viele Händler bemängeln, dass sie auf Messen kaum Interessantes finden würden, sagt Neuhaus nur, er finde immer etwas. Nur eines soll es in seinem Laden nicht geben: Langeweile.
So kann Neuhaus mit seinem inspirierenden Geschäft die Umgebung aufwerten, wovon wiederum die anderen Händler profitieren können und wodurch die Aufenthaltsqualität des ganzen Ortes steigt. Der Inhaber, der eigentlich aus dem Vertrieb kommt, und vor der Übernahme des Schuhhauses nur einen kleinen Laden nebenbei betrieben hatte, bewahrt die Tradition nicht zum Selbstzweck, sondern entwickelt das Geschäft weiter und passt es an die Zeit an. Nur so kann etwas langfristig Tragbares daraus entstehen, anstatt etwas aus Nostalgie lange vor sich hinexistieren zu lassen. Und im Idealfall findet sich irgendwann wieder jemand, der das Schuhhaus übernimmt, um es dann wieder an die Zeit anzupassen.