STEPTECHNIK: Können Schuhe wirklich ’sicher‘ sein?
Lutz Lehmann: Sichere Schuhe sind möglich – allerdings ist es fast unmöglich, dies unter den Bedingungen der Massenproduktion mit 100prozentiger Sicherheit zu erreichen. Zu den Stellschrauben zählen z. B. verbesserte technische Produktionsbedingungen, eine intensive Zusammenarbeit zwischen Herstellern, Händlern und Lieferanten und fortlaufende Kontrollen. Viele Hersteller und Importeure sind auf dem richtigen Weg und minimieren das Risiko für den Verbraucher.
STEPTECHNIK: Wie kann – und muss – Produktsicherheit nachhaltig gewährleistet werden?
L.L.: Entscheidend ist, den gesamten Produktionsprozess von Beginn an zu begleiten und eine nachhaltige, partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Lieferanten zu pflegen. Die Abläufe und Arbeitsschritte müssen regelmäßig überprüft, analysiert und zertifiziert werden. Dazu zählen sowohl die einwandfreie Auswahl der Rohstoffe, die Sauberkeit und die Arbeitsbedingungen in den Produktionsstätten, die Kontrolle der Einzelmaterialien und die Inspektionen der fertiggestellten Produkte. Da sich einige Schadstoffe auch erst im Laufe der Zeit bilden können – beispielsweise Chrom VI – sind zusätzliche Kontrollen kurz vor und auch nach dem Inverkehrbringen der Ware sinnvoll.
STEPTECHNIK: Was ist dabei Aufgabe des Herstellers, und was ist Aufgabe des Händlers?
L.L.: Um den Verbrauchern sichere Schuhe zu bieten, müssen sich sowohl der Hersteller als auch der Händler ihrer Verantwortung bewusst sein und diese ernst nehmen. Der Hersteller ist gefordert, für eine durchgängige Qualität im gesamten Produktionsprozess zu sorgen – vom Wareneinkauf bis zum fertigen Produkt.Ebenso muss der Händler seiner Sorgfaltspflicht nachkommen. Für Händler ist es ratsam, eine nachhaltige, partnerschaftliche Zusammenarbeit zu den Herstellern zu pflegen und die Produktion zumindest stichprobenartig zu prüfen. Empfehlenswert und sicherer sind regelmäßige Kontrollen, die eine stabile und qualitätsorientierte Zusammenarbeit gewährleisten. Hat der Händler die Schuhe in die EU eingeführt, wird er bei Verstößen gegen die gesetzlichen Anforderungen nicht nur von den Kunden verantwortlich gemacht, sondern auch von den Behörden in die Pflicht genommen. Deshalb sind Kontrollen am fertigen Produkt nach dem Inverkehrbringen wichtig.
STEPTECHNIK: Welche Testverfahren sind sinnvoll? Welche unverzichtbar?
L.L.: Unverzichtbar ist, dass die Schuhe die gesetzlichen Anforderungen des jeweiligen Verkaufslandes einhalten. So hat der Gesetzgeber in Deutschland für gewisse Stoffe und Chemikalien Grenzwerte festgelegt. Zu ihnen zählen Azofarbstoffe, Chrom VI, Dispersionsfarbstoffe, Schwermetalle, Chlorphenole und Formaldehyd sowie Weichmacher und PAK. Für eine Qualitätssicherung gemäß den gesetzlichen Bestimmungen in Deutschland empfiehlt Hermes Hansecontrol circa zehn Testverfahren. Sinnvoll sind darüber hinausgehende Anforderungen, die umfassende Prüfkriterien und strengere Grenzwerte anwenden – beispielsweise wie beim Öko Tex Standard 100 für umweltfreundlich gefertigte Garne, Bekleidung und Schuhe.
STEPTECHNIK: Welche Anforderungen muss ein aussagekräftiger Test erfüllen?
L.L.: Schuhtests sind aussagekräftig und zuverlässig, wenn sie von einem zertifizierten und akkreditierten Labor durchgeführt werden. Zugelassene Prüflabore arbeiten nach etablierten, wissenschaftlichen Verfahren und werden behördlich überwacht – z. B. durch die Deutsche Akkreditierungsstelle (DAkkS). Hermes Hansecontrol ist nach DIN EN ISO/IEC 17025:2005 zertifiziert und akkreditiert. Bei einer Produktprüfung erhält der Kunde den Prüfbericht oder ein Zertifikat. Der Prüfbericht umfasst das Prüfergebnis, Informationen zum durchgeführten Testverfahren und die zugrunde gelegten Grenzwerte.
STEPTECHNIK: Wo bekommen Hersteller und auch Händler notwendige Informationen?
L.L.: Es obliegt der Sorgfalts- und Informationspflicht des Herstellers und Händlers, sich über die geltende Gesetzeslage und aktuelle Änderungen zu informieren. Hermes Hansecontrol unterstützt die Marktteilnehmer darin und informiert regelmäßig, z. B. in seinem Newsletter, über aktuelle Debatten, neue Testverfahren und Gesetzesänderungen. Darüber hinaus bietet das Unternehmen Seminare, Weiterbildungen und Beratungen zu einzelnen Themen an.
STEPTECHNIK: Verändert sich das Verbraucherverhalten? Werden Kunden kritischer?
L.L.: Verbraucher achten beim Kauf verstärkt auf sichere, aber auch qualitativ ansprechende Waren. Dazu hat die mediale Berichterstattung über gefährliche Stoffe in Schuhen und Bekleidung beigetragen. Die Themen Schadstoffe und Sicherheit sind in der Öffentlichkeit präsent und werden an Bedeutung weiter zunehmen. Viele Kunden sind sensibilisiert und reagieren inzwischen argwöhnisch auf den verräterischen Geruch bedenklicher Chemikalien in Schuhen.
STEPTECHNIK: Immer wieder tauchen in den Medien teils sehr reißerische und nicht immer objektive Berichte auf, die dann für erhöhte Aufmerksamkeit sorgen. Zwischen diesen Berichten scheint die Schuhbranche ’unter dem Radar‘ zu fliegen. Teilen Sie diese Einschätzung?
L.L.: Ganz im Gegenteil. Wie die jüngsten Medienberichte über gesundheitsschädliche Chemikalien in Fußballschuhen oder Zehentrennern zeigen, steht die Schuhbranche immer wieder im Fokus der Diskussionen.
STEPTECHNIK: Wie ernst nimmt die Schuhbranche das Thema Schadstofffreiheit und Produktsicherheit?
L.L.: Es gibt in der Schuhbranche sehr ernsthafte Bestrebungen zum Thema Schadstofffreiheit und Produktsicherheit. Dazu zählen sowohl einzelne Branchenvertreter, die für ihre Ware sehr hohe Anforderungen definieren, als auch Kooperationen wie beispielsweise CADS. Diese Kooperation des Deutschen Schuh-instituts DSI beschäftigt sich mit dem Thema Schadstoffe in Schuhen und setzt sich initiativ für die Vermeidung von riskanten Stoffen ein. Die Vereinigung hat sich zum Ziel gesetzt, Herstellern und Lieferanten das erforderliche Wissen zur Vermeidung von Schadstoffen bei der Herstellung von Schuh- und Lederwaren sowie die Kenntnisse einer umweltverträglichen Produktion zu vermitteln. Die Branche ist sich also ihrer Verantwortung bewusst und wirkt aktiv auf die Herstellung ein, um das Schadstoffniveau in Schuhen und im Produktionsprozess zu senken. Langfristig ist die vollständige Schadstofffreiheit das Ziel der meisten Branchenvertreter. Gleichwohl gibt es in einem hart umkämpften Markt auch schwarze Schafe.
STEPTECHNIK: Muss mehr getan werden?
L.L.: Um den immer strengeren Anforderungen gerecht zu werden, sollte besonders bei der Schadstofffreiheit mehr getan werden. Sinnvoll ist, die Zusammenarbeit zwischen Händlern und Produzenten sowie die Transparenz im Produktionsprozess zu verbessern.
STEPTECHNIK: Es wird gelegentlich argumentiert, das Investment in ’saubere‘ Produkte sei zu hoch und für viele Anbieter nicht ohne weiteres zu stemmen. Ist ein unkritisches Produkt also eine Frage des Geldes?
L.L.: ’Saubere‘ Schuhe verantwortungsvoll zu produzieren und Zulieferer regelmäßig zu kontrollieren, hat seinen Preis. Andererseits ist das Vertrauen der Kunden ein wichtiges und hohes Gut. Belastete Schuhe können das Image der Marke oder des Händlers langfristig beschädigen. Dieses Vertrauen zurückzugewinnen, dürfte viel teurer werden als eine stetige Produktprüfung. Hersteller und Händler, die auf solche Kontrollen verzichten, sparen am falschen Ende. Viele Produzenten lassen die Ware bereits vor Ort in den Produktionsländern prüfen. Das hält die Kosten gering und beschleunigt die Abläufe.