schuhkurier: Hat das Thema Produktpiraterie aus Ihrer Sicht an Brisanz zugenommen?
Jochen Gutzy: Für unsere Marke gilt das ganz sicher. Erfolg lockt leider auch Trittbrettfahrer an – profitgierige Produktkopisten und Markenpiraten, die auf dem Rücken unserer Marke schnelles Geld verdienen wollen. Vor allem in der Türkei und in Asien tauchen in letzter Zeit verstärkt Fälschungen auf. Die Hintermänner schrecken nicht einmal davor zurück, ihre Kopien auf Messen zu präsentieren. Auf der letzten GDS sind wir massiv gegen Markenverletzungen vorgegangen. Leider gleicht das einem Kampf gegen Windmühlen. Kurz nachdem die von uns beanstandeten Kopien weggeräumt wurden, standen Plagiate anderer Marken auf dem Tisch. Das ist die bittere Realität. Produkt- und Markenpiraterie sind kein Kavaliersdelikt, sondern kriminelle Handlungen, die einen hohen Schaden verursachen. Deshalb gehen wir dagegen mit aller Härte vor.
schuhkurier: Piraterie findet im Bereich der Industrie, aber auch beim Handel (Eigenmarken) statt. Gibt es Ihrerseits hier Prioritäten in Ihrer strategischen Ausrichtung?
Jochen Gutzy: Der Weg zu den Herstellern führt über den Handel. Deshalb beobachten wir sehr genau, welche Produkte in den Regalen stehen oder auf den Seiten der Online-Shops angeboten werden. Die Irreführung findet ja dort statt, wo der Endkonsument unseren Produkten begegnet, also im stationären Handel oder im Netz. Sei es in der Industrie oder bei den Eigenmarken: Solange nicht geltendes Recht verletzt wird, müssen Marken solche Praktiken zähneknirschend hinnehmen. Hier liegt es am Gesetzgeber, die Gesetze zu überprüfen. Überschritten werden die Grenzen eindeutig dort, wo bestehende Markenrechte verletzt werden. Natürlich wirft eine solche Verkaufspolitik aber auch jenseits aller formaljuristischen Abwägungen Fragen auf. Das Modell ’die Marke lockt die Kunden an, aktiv verkauft wird aber die Billigkopie‘ entspricht nicht unseren Vorstellungen von Partnerschaft.
schuhkurier: Man hat den Eindruck, dass Birkenstock in der Vergangenheit eher nicht proaktiv in diesem Bereich vorgegangen ist. Gab es einen Strategiewechsel?
Jochen Gutzy: Dieser Eindruck täuscht. Nicht wir haben unsere Strategie gewechselt. Vielmehr haben sich die Wahrnehmung unserer Marke und damit auch die Wahrnehmung von möglichen Markenrechtsverletzungen verändert. Das ist die Kehrseite unseres Erfolgs. Wo dies rechtlich möglich und geboten war, haben wir unsere Marke auch schon in der Vergangenheit verteidigt. Beschlagnahmen führen wir seit vielen Jahren durch. Erst vor wenigen Tagen ist uns wieder ein Schlag gegen philippinische Kopisten gelungen. Dank neuer Techniken ist es heute aber leichter, Kopisten auf die Schliche zu kommen. Auch gegen Domain-Grabbing, also die missbräuchliche Registrierung von Internet-Domainnamen, gehen wir schon seit Jahren offensiv vor. Das kann man sogar nachlesen, die so genannten UDRP-Verfahren sind ja öffentlich. Neu ist aber sicher, dass wir uns über dieses Thema öffentlich äußern. Angesichts des aktuellen Ausmaßes der Fälschungen ist das leider unumgänglich geworden.
schuhkurier: Ist ein Produkt, das seit Jahrzehnten – und wohl auch seit Jahrzehnten als Kopie – im Markt ist, überhaupt als solches zu schützen?
Jochen Gutzy: Das zu klären ist Aufgabe der Gerichte. Sobald wir von Rechtsverletzungen Kenntnis erlangen, gehen wir dagegen auch entschieden vor. Dabei schöpfen wir unsere rechtlichen Möglichkeiten voll aus. Nur weil wir dabei nicht alle Hintermänner zu fassen bekommen, heißt das noch lange nicht, dass wir vor den Fälschern einknicken. Man muss sich einmal die Dimensionen vor Augen führen: Produkt- und Markenpiraterie sind Teil der organisierten Kriminalität. Dahinter stehen mafiöse, industrielle Strukturen – Hersteller, Materiallieferanten, Logistikdienstleister, Mittelsmänner etc. Fälschungen werden unter meist prekären Bedingungen in Billiglohnländern hergestellt. Kinderarbeit und die Verletzung von Sozial- und Umweltstandards sind die Begleiterscheinungen von Produkt- und Markenpiraterie. Niemand kontrolliert die Zusammensetzung der Produkte oder deren Qualität. All das blenden Händler aus, die Billigkopien an ihre Kunden verkaufen.
Das vollständige Interview lesen Sie in schuhkurier Ausgabe 44.