Große Warenhäuser verschwinden aus vielen Innenstädten, überhaupt prägt Leerstand zahlreiche Einkaufsstraßen. Das hält Menschen immer häufiger davon ab, zum Shoppen in die City zu fahren. Wie kann diese Entwicklung gestoppt und wie können neue Lösungen implementiert werden? Diesen und weiteren Fragen gingen die Diskutanten in der SWR-Verbrauchersendung „Zur Sache, Baden-Württemberg“ am 28. November nach. Die Thesen der Gesprächsteilnehmenden:
Thomas Keck, Oberbürgermeister von Reutlingen: „Die Innenstädte sind zu retten, aber nicht, wie wir sie kannten. Das ist etwas, das man, bevor man an Lösungsansätze geht, zunächst einmal akzeptieren muss: Es wird nie wieder so sein wie vor Corona. Das wird nicht wiederkommen.“
Sophie Büchner: Stadtplanerin: „Innenstädte unterliegen einem Wandel und die Frage ist, wie wir als Gesellschaft und Stadtgesellschaft diese Prozesse nutzen wollen, um die Innenstädte wieder zum Funktionieren zu bringen.“
Ingo Hänel, Schuhhändler mit 13 Filialen: „Es geht nicht ohne Einzelhandel. Der Einzelhandel wird auch nicht verschwinden. Er unterliegt sicherlich großen Veränderungen, aber die wird man meistern können.“
Sabine Jakoby, ehemalige Verkäuferin bei Galeria: „Innenstädte müssen sich gravierend verändern, damit sie lebenswert sind für die Menschen, die dort wohnen und attraktiv für die, die dort einkaufen wollen.“
Aus der Perspektive des Schuhhandels schilderte Ingo Hänel, dass Weihnachtsmärkte aktuell Frequenzbringer auch für seine Geschäfte seien: „Frequenz tut dem Handel immer gut, wie auch immer sie erzeugt wird. Ohne die Weihnachtsmärkte wären die Städte langweiliger und trister.“
Ob es guten oder schlechten Handel gebe – Stichwort Ein-Euro-Shops versus Fachgeschäft? „Dazwischen würde ich nicht unterscheiden“, so Hänel. „Aber es gibt wünschenswertere Branchen für eine Innenstadt. Da gehört der inhabergeführte Handel dazu, weil er immer individueller ist als die großen Ketten.“
Onlinehandel betreibt Hänel inzwischen nicht mehr; er sei „bewusst offline, weil sich mein Produkt nicht für einen rentablen E-Commerce eignet, weil von zehn verkauften Schuhen sieben zurückkommen.“
Von einer Beratungsgebühr für Menschen, die sich Schuhe im Fachgeschäft erklären lassen und diese anprobieren, um sie dann möglicherweise preiswerter im Internet zu kaufen, hält der Schuhhändler nichts: „Eine gute Beratung kann auch im Moment der Beratung überzeugen und dann kommt es auch zum Kaufabschluss und zufriedenen Kunden.“ Zwar kenne er „Beratungsklau“, so Hänel weiter. „Sich aber anzumaßen, dem Kunden vorher anzusehen: Der kauft sowieso nichts, halte er für falsch.“ Den Versuch sei es jedes Mal aufs Neue wert.
Kritisch sieht Hänel die zunehmende Verbannung von Autos aus den Innenstädten: „Es gibt Untersuchungen, dass weit über 60% unserer Kunden mit dem PKW anreisen und das auch weiterhin tun wollen. In einer funktionierenden Innenstadt, de sich gesund nennt, kann man versuchen, den Verkehr einzuschränken.“ Viele Städte kränkelten aber und hielten dann auch noch die Autofahrer aus der City raus. „Ich wehre mich dagegen, dass das in vielen Städten die allererste Maßnahme ist. Die haben ihre Hausaufgaben dreißig Jahre nicht gemacht. Und das Erste, was der Kommunalpolitik einfällt, ist: Das Auto muss raus.“ Das sei häufig der falsche Schritt.
In einer insgesamt volatilen Situation sei er als Händler gefordert, die Performance seiner Standorte ständig zu analysieren, so der Schuhhändler aus Römerstein. „Wir schließen Mietverträge in bestimmten Zyklen neu ab.“ Jede Verlängerung sei immer auch eine neue Entscheidung. Wo links und rechts Leerstand sei, frage man sich durchaus, wie lange das eigene Geschäft dort noch betrieben werden kann. „Wir tun überall unser Bestes, aber wir brauchen definitiv ein Umfeld, das funktioniert. Textiler, gute Cafés, Gastronomie. Wenn die Aufenthaltsqualität stimmt, bin ich ein zufriedener Mensch“, so Ingo Hänel.