„Riva ist Riva“
100. Ausgabe Expo Riva
- 24.01.2024
- Petra Steinke
- 8 Minuten
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100. Ausgabe Expo Riva
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Headerfoto: Vier Tage Expo Riva Schuh am Gardasee, Auftakt der Orderrunde H/W 24/25. (Foto: Redaktion)
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„Das Anschauen der Kollektionen und der Austausch sind uns wichtig."
Frank Schmitz|Bugatti
Schauen erlaubt, anfassen auch: Die Expo Riva Schuh versammelt die inter-nationale Schuh- und Lederwarenbranche vom 13. bis zum 16. Januar am Gardasee. Traditionell markiert die Veranstaltung, deren 100. Ausgabe ihre Tore öffnet, den Startschuss in die Orderrunde. Viele Händler aus dem deutschsprachigen Raum treffen eine erste Auswahl und kümmern sich um ihr Eigenmarken-Geschäft. In erster Linie aber geht es für die meisten um das Sichten der neuen Trends und erste modische Orientierungspunkte. Und auch jenseits der Kollektionen ist die Expo Riva Schuh Kommunikationsplattform und ein Barometer für die Gefühlslage in Handel und Industrie. „Es herrscht eine positive Stimmung. Der Handel guckt sich viele Dinge an, die Messe ist ein schöner Auftakt in die Saison. Und für die Lieferanten gibt es erste Reaktionen vom Einkauf“, fasst Ralf Meurer (Gabor) die Messe zusammen. „Nach wie vor kommen viele Händler hierher. Das Anschauen der Kollektionen und der Austausch sind uns wichtig“, erklärt Frank Schmitz (Bugatti), der während der Messe die TT Bagatt-Damenschuh-Kollektion in einem Hotel in der Stadt präsentiert – nach längerer Pause erstmals wieder. Der persönliche Austausch mit Einkäufern und Händlern, wie ihn eine Messe ermöglicht, ist für viele Lieferanten unverzichtbar. „Man kann digital sicher gute Nachordertools anbieten. Aber eine Kollektionspräsentation, das Vorstellen von Neuheiten, das funktioniert nicht via Teams“, so der Verkaufsleiter eines Herstellers. Positiv wahrgenommen wird auf der 100. Expo Riva der hohe Anteil ausländischer Gäste in den Gängen. Dieser mag auch der Tatsache geschuldet sein, dass die Veranstalter zur Jubiläums-Ausgabe internationale Delegationen an den Gardasee eingeladen hatten.
„Die Infrastruktur der Messe, die Art der Präsentation, das alles ist nicht mehr zeitgemäß."
Walter „Wawi“ Weichhart|Supremo
Impressionen von der Expo Riva Schuh als Auftakt der Orderrunde H/W 24/25. (Foto: Redaktion)
Die Anfahrt zur Expo Riva Schuh erweist sich für viele Aussteller dieses Mal jedoch als holprig: Sie müssen Umwege und Staus in Kauf nehmen, um ins neue Parkhaus und von dort zu den Messehallen zu gelangen. Nicht jedem macht das Spaß. Walter „Wawi“ Weichhart (Supremo) ärgert sich über erschwerte Rahmenbedingungen auf der Messe und auch in der Stadt, wo im Januar viele Hotels und Restaurants geschlossen seien: „Die Infrastruktur der Messe, die Art der Präsentation, das alles ist nicht mehr zeitgemäß.“ Der Unternehmer macht seinem Ärger Luft: „Global betrachtet, wird eine der weltweit größten Schuhmessen an einem Ort organisiert, an dem, zumindest im Januar, die Hälfte aller Hotels und Restaurants nicht geöffnet haben.“ Es werde an Ausstellern festgehalten, die an den vier Tagen nachweislich nichts zu tun hätten. Vergessen werden würden indes die wenigen expandierenden Aussteller, denen keine Möglichkeiten gegeben würden, ihre Produkte gebührend zu präsentieren. Und in der Rush-Hour sei das Gedränge zu groß.
„Die Transformation im Handel, das Wegbrechen großer Player, das ist herausfordernd. Hinzu kommen jetzt steigende Logistikkosten."
Matthias Fischer|Fischer
Auch andere Aussteller hätten sich mehr Service gewünscht: keine funktionierenden Rolltreppen am Vortag der Messe, das bedeutete für die Teams, die den Messestand ausstaffierten, viele Treppen mit vollen Musterkoffern. Einmal in den Messehallen angekommen, entwickelt sich die 100. Veranstaltung aber so, wie die Branche sie kennt und liebt: ein bisschen chaotisch, aber von good vibes durchdrungen. „Es macht einfach immer Spaß hier. Riva ist Riva“, sagt ein Aussteller. Für viele deutsche Lieferanten ist im Hinblick auf die Frequenz schon der erste Messetag ein Erfolg. Es herrscht Gedränge in den Gängen, einige Stände sind zwischenzeitlich sogar überfüllt. „Dieser Tag hat richtig Laune gemacht“, freut sich Ralf Meurer. Der zweite Messetag verläuft etwas ruhiger; der Montag ist wieder belebter – und der Dienstag eben so, wie man sich einen letzten Messetag vorstellt.
Die Aussteller bemühen sich trotz der gesamtwirtschaftlich schwierigen Lage und des schmerzhaften Konsolidierungsprozesses, in dem sich insbesondere der deutsche Schuhhandel befindet, um Zuversicht für die neue Saison. Allerdings hält sich der Handel bei der Order zurück und die Sorge vor weiteren Insolvenzen und damit wegbrechenden Volumina dominiert die Gespräche. „Die Marktverwerfungen auch in diesem Jahr führen zu einer spürbaren Minimierung des Gesamtvolumens“, so Gabor-Produktmanager Ralf Meurer gegenüber schuhkurier.
„Wachstumschancen sehen wir eher in der internationalen Expansion."
Florian Bubik|Gottstein
Dieser Volumenrückgang lasse sich auf dem Heimatmarkt nicht ohne weiteres ausgleichen. Ähnlich äußert sich Matthias Fischer (Fischer): „Die Transformation im Handel, das Wegbrechen großer Player, das ist schon herausfordernd.“ Andere Lösungen müssen also gefunden werden. „Trotz der Veränderungen im Markt werden die Verbraucher ja nicht weniger. Vielleicht müssen alle aus der Komfortzone heraus und die Internationalisierung vorantreiben“, so Timo Schmermund (Rohde). Das bestätigt auch Florian Bubik (Gottstein): „Wir erwarten maximal eine kleine Steigerung, weil der deutsche Markt schwierig ist. Wachstumschancen sehen wir eher in der internationalen Expansion.“ Allerdings sind ausländische Märkte auch nicht per Fingerschnippen erobert: „Es gibt viele Märkte, auf denen man immer noch wachsen kann. Es ist aber ein völlig anderes Business“, so ein Aussteller.
Auf der anderen Seite stellen sich Unternehmer die Frage, wie sich die Marktveränderungen hierzulande auf die Verbraucherinnen und Verbraucher auswirken werden: „Wenn so viele Händler wegbrechen, wo wird die typische Fachhandelskundin denn künftig ihre Schuhe kaufen“, überlegt ein Vertriebler. Im preiswerten Segment bzw. im Fachmarktbereich sei auch nach dem Marktausscheiden von Reno immer noch viel Angebot vorhanden.
Wer aber gewohnt sei, im klassischen Mittelpreis- und Markensektor zu kaufen, finde dafür vielerorts keine Anlaufstellen mehr. Der Onlinehandel sei für diese Kundinnen und Kunden nicht immer die richtige Lösung.
Ein Problem für die Lieferanten sind auch die steigenden Logistikkosten – nicht zuletzt durch die Angriffe auf Handelsschiffe im Roten Meer. Die Containerpreise steigen einerseits etwa auf das Fünffache, zugleich werden Kapazitäten verknappt. Der Transport per Schiene ist problematisch, weil die wichtigsten Routen durch Russland bzw. durch die Ukraine führen. Und auch die Luftfrachtraten sind ein Thema – unter anderem, weil Preiswertanbieter aus Fernost große Volumina über diesen Weg nach Europa bringen und kaum noch Platz in den Fliegern ist. Neben den steigenden Kosten befürchten Schuhanbieter durch die Situation auch zeitlichen Verzug.
„Was mich stört, sind die Überschneidungen einiger Veranstaltungen. Das ist für Marken mit kleinem Vertriebsteam kaum zu bewältigen."
Oliver Niebergall|La Strada
Ein Thema ist in vielen Gesprächen auch die Messelandschaft. Wann und wo will der Handel ordern und wie können Messen auch international attraktiver werden – diese und weitere Fragen werden diskutiert. Mit Interesse werden dabei die Erkenntnisse der Initiative „Schuhhandel hat Zukunft“ erwartet, die sich unter anderem auch mit dem Messethema auseinandersetzt. Dass das keineswegs trivial ist und welche ganz praktischen Herausforderungen sich aus der kleinteiligen Messelandschaft in Deutschland ergeben, erläutert Oliver Niebergall (La Strada) gegenüber schuhkurier: „Was mich stört, sind die Überschneidungen einiger Veranstaltungen. Das ist für Marken mit kleinem Vertriebsteam kaum zu bewältigen. Wir können nicht an mehreren Orten gleichzeitig ausstellen. Davon abgesehen haben wir gar nicht so viele Kollektionen, die wir auf verschiedenen parallel zeigen könnten.“
„In den Niederlanden fragen viele Händler zuerst, was neu ist. Danach schauen sie, was sie noch an bewährter Ware brauchen."
Ralf Balonier|Lurchi
Viele Hersteller erwarten, dass nach einem wohl weiteren herausfordernden 2024 im nächsten Jahr die Talsohle durchschritten ist. „Gedämpft optimistisch“, so lässt sich die Stimmung zusammenfassen. Im übrigen, so der Tenor in zahlreichen Gesprächen, gebe es nach wie vor Händler, die sehr sicher und erfolgreich durch die aktuell raue See steuerten. „Das ist wie mit einem Restaurant“, erklärt Dominique Hopf, der für den Schuhhersteller Rohde am Gardasee dabei ist: „Wenn der Besitzer sein Personal, das Lokal und den Speiseplan im Griffhat, dann kommen die Gäste. So verhält es sich auch im Schuhhandel. Wer es richtig macht, der macht auch in diesen Zeiten gute Geschäfte.“ Zu häufig aber werde – aus einem Sicherheitsgedanken heraus – mehr auf die Abverkaufslisten der Vorsaison geschaut als auf die neuen Trends in den Kollektionen. Ralf Balonier (Lurchi) hat ähnliche Erfahrungen speziell bei deutschen Händlern gemacht: „In den Niederlanden fragen viele Händler zuerst danach, was neu ist. Erst dann schauen sie, was sie noch an bewährter Ware brauchen.“ In Deutschland werde dagegen oft in die Listen geblickt. Der Handel wiederum vermisst Modemut bei den Konsumentinnen und Konsumenten. Schuhhändler Mathias Ledermann (Lepi) bedauert diese Entwicklung:
„Wir machen gern Experimente. Aber die deutschen Verbraucher sind zur Zeit nicht modisch. Sie trauen sich nichts. Viele sind im Kopf sehr grau. Das hat natürlich auch mit der angespannten und unsicheren Wirtschaftslage in Deutschland zu tun."
Mathias Ledermann|Lepi
„Wir machen gern Experimente. Aber die deutschen Verbraucher sind zur Zeit nicht modisch. Sie trauen sich nichts. Viele sind im Kopf sehr grau. Das hat natürlich auch mit der angespannten und unsicheren Wirtschaftslage in Deutschland zu tun.“ Und auch die Lieferanten seien oft sehr vorsichtig geworden und setzten zu sehr auf sichere Modelle – und zu wenig auf modische Highlights. Das wurde auch von anderen Händlern und Einkäufern gegenüber schuhkurier bemängelt.
„Wir haben 2023 ganz gut hinbekommen. Das Jahr war aber sehr von Bedarfsdeckung und weniger von Modemut geprägt. Die Unsicherheit bei den Verbrauchern ist verständlich."
Jens Beining|Wortmann
„Wir haben 2023 ganz gut hinbekommen. Das Jahr war aber sehr von Bedarfs- deckung und weniger von Modemut geprägt. Die Unsicherheit bei den Verbrauchern ist verständlich“, sagt Jens Beining (Wortmann). Die Lust auf neue Farben und Modelle ist hinter die Bedarfsdeckung zurückgetreten. Steigende Preise und eine insgesamt unsicherere Wirtschaftslage wirken sich auf das Konsumentenverhalten aus. Und auch die Witterung hat erheblichen Einfluss auf die Verbraucherinnen und Verbraucher. Das zeigte sich in der zu Ende gehenden H/W-Saison: Bei hochsommerlichen Temperaturen im September blieb die Herbstware wie Blei in den Regalen liegen. Selbst im Oktober waren die Menschen noch mit ihren Sommersneakern unterwegs. Der frühe Wintereinbruch Ende November kurbelte die Nachfrage nach warmen Winterschuhen dann kräftig an – aber zu kurz. Und ab Dezember versank die Nachfrage im Dauerregen. All das sorgte für Panik im Handel und entsprechend für frühe Reduzierungen. Einige Lieferanten kritisieren dieses Vorgehen. „Der Handel verschenkt viel durch undifferenzierte Reduzierungen“, so ein Unternehmer, „pauschale 20% auf alles sind Gift für den Handel, weil dann auch Beststeller reduziert verkauft werden.“
Keine Revolutionen, aber Weiterentwicklungen: Das Kollektionsbild auf der Expo Riva Schuh zeigt viele bekannte Themen, die aber teils spannend variiert wurden. Das Sicherheitsdenken, das im Handel spürbar ist, findet auch in den kreativen Entwicklungen der Lieferanten Ausdruck. Es scheint nicht die Zeit für Experimente. „Es wird eine standardlastige Saison“, berichtet der Vertriebsleiter eines Damenschuh-Fabrikats: „Schwarz, Cognac und Taupe dominieren das Bild, ergänzt um einige Akzente in Rot- und Violetttönen.“ Für Damen bleiben Booties – vorrangig in Schwarz – gesetzt. Hier wird es darauf ankommen, wirklich neue Akzente zu setzen. Denn etliche schwarze Booties stehen bereits in den Regalen des Handels. Einiges ist bei den Materialien passiert, wo vermehrt neben Glattleder auch metallic-gefinishte Varianten sowie Lack zum Einsatz kommen. Glitzernde Details am Rahmen oder metallic-schimmernde Schnürsenkel sorgen für einen etwas anderen Look. Auch Brauntöne und helle Neutrals, gern auch mit Plüsch-Verbrämungen, sind in vielen Kollektionen zu sehen. Daneben sind Loafer weiterhin unverzichtbar – auch hier zeigt sich zunehmend Lackleder, unter anderem in Cognac-, Grün- und Bordeaux. Sneaker bleiben wichtig, spielen aber nicht mehr die Hauptrolle. Harmonische Farb- und Materialkombinationen sowie Metallic-Effekte dominieren bei den sportiven Schuhen.
Western Booties laufen im europäischen Ausland schon seit geraumer Zeit. In Deutschland hatte das Thema bislang keinen Durchbruch in der modischen Mitte. Weiterhin bleiben Schuhtypen aber – allerdings in zurückgenommenen Varianten – in den Kollektionen sichtbar. Der Newcomer Ballerina setzt einen femininen Gegenpol zu den zahlreichen sportiven Schuh- und Bootvarianten.
Gummiriemchen oder Spangen verleihen den flachen Modellen eine gewisse mädchenhafte Attitüde. Neben Schwarz werden satte Brauntöne stärker. Außerdem spielen helle Nuancen rund um Crème eine wichtige Rolle. Das Farbspektrum zwischen Pflaume und Fuchsia bringt Frische ins Kollektionsbild. Als modische Spitze fungieren Gold und Silber. Pelzverbrämungen, gesteppte Einsätze und profilierte Böden sorgen für eine sportive Optik. „Ich bin sehr zufrieden mit der Messe“, sagt Oliver Niebergall (La Strada). „Man kann nur das Beste aus der Situation machen – und wir haben uns entschieden, Gas zu geben, was die Mode angeht.“ Sehr gut liefen bei ihm eng anliegende Langschaftstiefel aus Knit-Material und unter anderem in Metallic-Varianten. Auch aus dem Handel gebe es bereits positive Resonanz auf das Thema. Beliebt beim Handel seien zudem Ballerinas, unter anderem mit teils üppigen Strass-Dekors. Passende Taschen runden den Look ab. Sportliche und etwas klassischere Stiefeletten ergänzen das Angebot.
Bei den Herrenschuhen bleibt es bei dezenten modischen Weiterentwicklungen. Booties in Schwarz und Braunnuancen dominieren in vielen Kollektionen. Profilierte Böden, Bergsteiger-Ösen und offenkantige Nähte unterstreichen den Outdoor-Look. Ein neues Thema sind Wallabee-Varianten mit markanter Mokassin-Naht auf dem Schaft. Hier zeigen sich zunehmend auch Sohlen in Krepp-Optik als Alternative zu den gewohnten PU-Varianten. Als Material wird Rauleder verarbeitet und bei den Farben gibt es Abwechslung: Auch hellere Brauntöne sowie Grün kommen zum Einsatz und unterstreichen den lässigen Look der Modelle. Der Hybrid zwischen Sneaker und Halbschuh gehört für viele Anbieter zum Must-Have. Und klassische Sneaker in ruhigen, harmonischen Farbbildern runden das Angebot für H/W 2024/25 ab. Zunehmend zeigen sich auch wieder Business-Schuhe in den Kollektionen für Herren: Schnürer und daneben vor allem knöchelhohe Booties in Schwarz sollen den Office-Look modern komplettieren.