„Jeder einzelne ist wichtig“
Interview mit Bernd Grillitsch
- 24.07.2024
- Petra Steinke
- 5 Minuten
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Interview mit Bernd Grillitsch
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Headerfoto: Bernd Grillitsch ist seit einem guten halben Jahr Geschäftsführer der österreichischen Verbundgruppe Ringschuh. (Foto: Ringschuh)
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Stivolles Ambiente im Geschäft eines Ringschuh-Mitglieds. (Foto: Ringschuh)
Bernd Grillitsch: Die Runde der Premiumpartner existiert seit circa 20 Jahren mit dem Grundgedanken, die Menschen und Unternehmer jenseits des Tagesgeschäfts zum gemeinsamen Austausch zusammenzubringen. Sie trifft sich zweimal im Jahr, um Themen zu besprechen, die dann in den gesamten Mitgliederkreis getragen werden. Am Ende geht es um Mehrwert für alle Mitglieder. Für unser letztes Treffen hatten wir bewusst München gewählt, um über den Tellerrand zu schauen. Daneben war das Meeting geprägt durch die Zusammenarbeit mit dem European Clearing Center (ECC). In diesem Bereich ist Österreich ein weißer Fleck auf der Landkarte. Ich schätze sehr, was das ECC um Stefan Nicolai in den letzten Monaten vorangetrieben hat. Das gehört unterstützt und aktiv begleitet, damit wir es schaffen, diesen Standard für alle Marktteilnehmer durchzusetzen, weil er effektive Mehrwerte für beide Seiten liefert, den Handel und die Industrie.
Die Ausgangssituationen im Handel sind sehr unterschiedlich. Wir haben Händler, die in diesem Bereich schon seit Jahren aktiv sind und den Wert von Datenaustausch und EDI erkannt haben. Und es gibt Händlergruppen, bei denen das Thema bislang keine Rolle gespielt hat. Dafür müssen wir in individuellen Gesprächen Überzeugungsarbeit leisten, damit verstanden wird, worum es geht. Das ist ein grundsätzliches Thema, und das lässt sich nicht mit einer einfachen Präsentation lösen. Wir müssen die Leute abholen, eine gemeinsame Basis und Verständnis schaffen und dann die Umsetzung aktiv begleiten. Die Händler damit allein zu lassen, das halte ich für falsch. Daher sind wir mit dem ECC übereingekommen, dass wir die Aufmerksamkeit für das Thema bündeln und die Follow Ups gemeinsam begleiten. Alle Beteiligten müssen an einem Strang ziehen. Nur so kann der Standard implementiert werden und erfolgreich sein.
Schuhe, aber auch Mode und Accessoires in Standorten von Ringschuh-Händlern. (Foto: Ringschuh)
Das darf ich mit Ja beantworten, ohne näher ins Detail zu gehen. Wir schätzen den ständigen und konstruktiven Austausch mit unseren Kollegen. Auf den DACH-Markt bezogen, sind wir ein kleiner Player, aber wir sind der charmante „Local Hero“ in Österreich. Das zeichnet uns aus. Unsere Marktsituation und die Regionalität in Österreich machen es möglich, dass wir auf jeden Kunden individuell und persönliche eingehen können, gerade weil wir nicht so groß und eine schlagkräftige Truppe sind. Das ist mir wichtig. Darüber hinaus kämpfen wir alle mit denselben Themenstellungen und Herausforderungen. Daher wollen wir auch über den Tellerrand hinausblicken Wir sehen uns in einer Vermittlerrolle, indem wir alle Marktteilnehmer richtig und gut zusammenbringen. Wir haben den Anspruch, die Themen, auf die wir setzen, nicht nur inhaltlich auszuarbeiten, sondern auch den Prozess der Umsetzung zu begleiten. Händlerinnen und Händler sind multidimensional unterwegs, vom Personal über den Einkauf und das Marketing bis hin zu Steuerthemen. Unser Anspruch muss es sein, die Händlerkollegen so zu unterstützen, dass sie für sich freie Ressourcen schaffen. Wir wollen ihnen Arbeit abnehmen, sei es im Bereich der Effizienzverbesserung, im Marketing, in der Kundenkommunikation oder in der betrieblichen Beratung. Es gibt ein Tool-Set, das sehr vielseitig ist. Wir müssen dahinter das Know-how und die Kompetenz haben, um das für den Händler umsetzen zu können. Wir möchten Lösungswege aufzeigen und mit allen Marktteilnehmern in die Interaktion gehen. Und: Kommunikation darf nicht nur eindimensional sei. Wir müssen in unserer neutralen Situation, die ich sehr charmant finde, alle Marktteilnehmer zusammenbringen.
„Die österreichischen Händler haben sich in der Pandemie als resilient erwiesen: Es sind solide, eigentümergeführte Unternehmen."
Bernd Grillitsch|Ringschuh
Bei uns arbeiten sechs Personen. Wir verstehen uns als Schnittstelle. Wir besetzen die Themen und denken sie strukturell und konzeptionell durch. Wir bringen die richtigen Menschen und Experten zusammen. Wir arbeiten im Hintergrund mit Drittpartnern und Dienstleistern, die Expertise in verschiedenen Bereichen haben und diese bereitstellen. Aber wir sind immer involviert und begleiten die Prozesse in allen Bereichen.
Dass der Handel für Banken generell ein rotes Tuch ist, das ist nicht erst seit Corona der Fall. Themen wie Eigenkapitalausstattung und Liquiditätskraft waren immer schon problematisch. Corona war in dem Sinne ein Brandbeschleuniger. Gleichwohl haben sich die österreichischen Händler in der Pandemie als sehr resilient erwiesen: Es sind sehr solide eigentümergeführte Unternehmen, in denen die Entscheider alles in ihrer Macht stehendende getan haben und die Kompetenz besaßen, effizientes Krisenmanagement zu betreiben. Es ging schließlich um ihr eigenes Geld. Darum sind diese Unternehmerinnen und Unternehmer vergleichsweise gut durch die Corona-Zeit gekommen – und sind heute noch da. Größere Unternehmen mit Filialstrukturen, die auch ganz andere Kostenapparate und Kostenstrukturen haben, hat es teilweise härter getroffen. Zum Thema Signa möchte ich mich nicht äußern. Trotzdem ist die Entwicklung insgesamt im Schuhhandel eindeutig: Um die Jahrtausendwende gab es in Österreich über 420.000 qm Schuhhandelsfläche. Jetzt sind wir bei circa 300.000 qm. Wir müssen uns also fragen, wie wir uns aufstellen müssen, was wir adaptieren müssen, damit die Zukunft gut gestaltet werden kann. Wir müssen uns an der Erwartungshaltung der Konsumenten orientieren. Uns geht es darum, den individuellen Charakter eines Schuhunternehmens herauszuarbeiten. Dass Geld da ist, dass Konsum stattfindet, ist unbestritten. Nur: Wo geben die Menschen es gern aus, wo werden sie richtig abgeholt, wo fühlen sie sich wohl?
Vom gesamten, jährlichen Marktvolumen Schuhe liegt der Anteil der Fachhändler bei circa 60 bis 65%. Dabei spielen aber auch Marktteilnehmer wie Deichmann, Humanic und Shoe4You eine gewichtige Rolle.
Absolut – aber das sind zweifellos die zentralen Themen der kommenden Jahre. Man muss nüchtern und realistisch auf die Fakten schauen. Die Pensionierungswelle, die uns in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren ins Haus steht, wird nahezu jeden treffen. Es werden auf Sicht viele Einzelhandelsstandorte wegfallen, weil sie keine Nachfolge haben. Da müssen wir ran. Das führt aber zu einem grundsätzlichen Thema: der Gesamtrentabilität. Wenn man am Ende des Tages, mit dem was man aufopfernd betreibt, kein Geld verdient, um in dieses weiter zu investieren und Zukunft aktiv gestalten zu können, ist das für jeden unattraktiv, ob Inhaberfamilie oder angestellter Mitarbeiter. Hinzu kommt, dass die Branche in weiten Teilen deinvestiert ist. Es gibt so viele Baustellen, in die Geld, Zeit und Ressourcen fließen müsste. Aber wenn ich das Geld nicht verdiene, kann ich es auch nicht investieren. Das ist ein Teufelskreis.
Es gibt Händlerkollegen, die in den vergangenen Jahren besten Umsätze verzeichnen konnten und am Ende eine schwarze Null oder sogar ein leicht negatives Ergebnis hinnehmen mussten. Das ist einfach zu erklären: In Österreich ist der Verbraucherpreisindex in den letzten zwei Jahren um knapp 20% gestiegen. Ich kenne aber keinen, der 20% mehr Rohertrag erwirtschaftet hat, um die Preissteigerungen zu kompensieren. Und die Konsumenten haben auch nicht 20% mehr verdient. So entstehen eine gewisse Preissensibilität und Konsumzurückhaltung. Rückläufige, absolute Verkaufsmengen können nur bedingt durch höhere Durchschnittspreise kompensiert werden.
Unbestritten – aber einfach Preise erhöhen, das wird nicht das Allheilmittel sein. Wir müssen schauen, dass wir alle Themenstellungen, die die Gesamtrentabilität erhöhen, gleich stark gewichten und bearbeiten. Wir müssen über Durchschnittspreisentwicklungen, Abverkaufsquoten, LUG, Lagerkapitalbindung, absolute Deckungsbeiträge, Vororder- und Nachorderquoten und vieles mehr sprechen, welche die Ertragskraft im Handel stärkt. Auch das ECC kann hier eine wichtige Rolle spielen. Ich bin der Überzeugung, dass wir vieles selbst in der Hand haben. Wir können gemeinsam gestalten und gute Schritte vorwärts machen. Dass wir die Gesamtumstände eh nicht ändern können, diese Ausrede lasse ich nicht gelten. Kehren wir vor der eigenen Haustüre, schauen wir, was wir selbst beeinflussen können.
Wie viele Marken sind in den letzten Jahren diesen Weg gegangen? In der Zeit, als diese Marken im Handel vertreten waren, haben die Unternehmen mit ihnen gutes Geld verdient. Nun sind sie nicht mehr da. Damit muss der Handel leider umgehen können und einen Weg finden, um sich neu zu positionieren und weiterzuentwickeln. Sie müssen sich fragen, wofür ihr Unternehmen steht. Zeichnen es die Marken aus, die es im Sortiment führt? Oder sind es die eigenen Stärken, die eigene Kultur, die DNA, das Unternehmen an sich? Ein Schuhhaus kann seinen Kunden seine eigene Relevanz vermitteln, bei ihm einzukaufen. Die Händler treffen die Wahl, was sie einkaufen. Wenn dann eine Marke wegfällt, muss man damit umgehen können. Umgekehrt gefragt – wie kann er Handel attraktiv für Marken werden? Retail-Exprience, Emotionalisierung am Point of Sale, Beratungs- und Servicekompetenz.
Das stimmt. Die Geschichte ist aber nicht neu. Sport- und Lifestylemarken wie Adidas, Nike, Reebok und andere Sneakermarken waren früher stark im Schuhhandel vertreten und sind es heute nicht mehr. Heute haben sie neue Kanäle mit starkem Fokus auf die eigene Marke. Sie haben das konsequent durchgezogen und damit einen guten Job gemacht. Dass das für den einzelnen Händler nicht gut war, kann ich nachvollziehen. Es gibt aber auch im Brownshoe-Bereich viele großartige Entwicklungen, mit denen Händler Geld verdienen können – wenn sie sich damit intensiv beschäftigten. Marken wollen ein entsprechendes Umfeld, um sich zu zeigen und als relevant wahrgenommen zu werden. Da sind wir wieder beim Thema Attraktivität im Schuhhandel.
Ringschuh-Erfa-Tagung in München (Foto: Ringschuh)
Da stimme ich absolut zu. Darum werden wir die Marktteilnehmer näher zusammenbringen müssen. Die Lasten müssen sich auf beide Seiten, Handel und Industrie, gleichmäßiger verteilen. In dieser Hinsicht ist der Textilhandel schon deutlich weiter. Wir brauchen das Rad nicht neu zu erfinden. Dinge, die gut funktionieren und transformierbar sind, können wir übernehmen. Und vor allem sollten wir einfach mal loslegen und aktiv werden. Das ECC ist ein gutes Beispiel: Die Lieferanten sagen, es gebe keine Händler, die mitmachen. Die Händler sagen das gleiche. So konnte es nicht funktionieren. Vielleicht bin ich zu positiv in meiner Grundeinstellung. Aber es gibt viele Beispiele, bei denen man sieht, dass es funktioniert. Viele Unternehmen sind sehr erfolgreich unterwegs, aber weitgehend unter dem Radar. Wenn man diesen Erfolg auf die Branche übertragen will, muss man den einen oder anderen hervorholen und fragen: Wie machst Du das, was können wir voneinander lernen? Für uns heißt das: Wir haben ein Tool Set mit vielen Services und Dienstleistungen. Da gilt es, Dinge auszuprobieren und einen Business Case daraus zu machen. Es ist mir wichtig, dass man sieht: Das haben wir ausprobiert und hier ist das Ergebnis.
Pauschal betrachtet, nicht wirklich. Wenn ich den Einzelfall betrachte, definitiv. Da, wo wir ansetzen und in die direkte Kommunikation gehen, sehe ich große Bereitschaft und Unterstützungswillen. Bei der Ausführung hakt es noch. Es gehören immer zwei dazu, es ist ein Geben und Nehmen. Oft habe ich den Eindruck, dass die Fronten verhärtet sind. Die Krusten müssen sich lösen. Ich bin aber zuversichtlich, dass es geschehen wird. In der Textilbranche sind diese Veränderungen schon vor einigen Jahren passiert. Dort ist, wenn Sie so wollen, das erste Stockwerk im Haus schon gebaut, die können sich schon mit dem Innenausbau befassen. Wir in der Schuhbranche arbeiten noch am Fundament. Es geht also darum, sich an Themen heranzuwagen und diese umzusetzen. Zu Beginn der Corona-Pandemie gab es Commitment in der Branche, Dinge grundsätzlich zu verändern. Die Bereitschaft war in allen Bereichen enorm groß. Und was ist dann passiert? Wir sind in den bewährten Mustern und Denkweisen geblieben. Darum appelliere ich an Handel und Industrie: Lasst uns gemeinsam vorankommen, und wenn es kleine Schritte sind. Es gibt für vieles Lösungen. Wir müssen nur schauen, dass wir die Synapsen richtig verbinden, so dass es allen nützt. Wir sehen uns als Sparringpartner, wir sind da, begleiten und unterstützen. Wir wollen Menschen verbinden und zusammenbringen, die eine gemeinschaftliches Interesse an unserer Branche haben. Jeder Einzelne ist wichtig.