Überraschend gute Konjunkturzahlen im dritten Quartal sind erfreulich – aber: „Deutschland bleibt das Problemkind der Eurozone. Auf Jahressicht rechnen wir immer noch mit einer Rezession, Deutschland steckt in der Stagnation fest“, sagt IW-Konjunkturexperte Thomas Obst. Das Wachstum sei vor allem durch die staatlichen und privaten Konsumausgaben getrieben. „Dank sinkender Inflation und hoher Tarifabschlüsse haben die Menschen wieder mehr Geld im Portemonnaie. Das macht sich im Konsum bemerkbar und dürfte auch so bleiben – vorausgesetzt, die Situation am Arbeitsmarkt verschlechtert sich nicht weiter“, so Obst.
Die Alarmsignale blieben jedoch unübersehbar: Nach wie vor sei die Auftragslage in der Industrie schwach, die zunehmende Fragmentierung der Weltwirtschaft belastet die Unternehmen. Auch eine schleppende Investitionstätigkeit wirke sich aus. „Hohe Steuern und Energiepreise, bürokratische Lasten und die im internationalen Vergleich hohen Lohnstückkosten machen den Standort unattraktiv. Zudem muss die Bundesregierung dringend die katastrophale Infrastruktur im Land sanieren und mehr Geld investieren“, betont der Konjunkturexperte.
Unterdessen fordert IW-Direktor Michael Hüther die Regierung zum Handeln auf. „Zumindest bei den Ampel-Vorstößen zur Rettung der deutschen Wirtschaft herrscht gerade Hochkonjunktur. Das muss man den Regierenden lassen: Sie schweigen die Krise nicht tot. Auch der Bundeskanzler verzichtet in letzter Zeit auf sein zweifelhaftes Versprechen eines neuen Wirtschaftswunders“, so der Experte. Über die entscheidende Frage herrsche in der Ampel-Koalition weiterhin kein Konsens: Wie die Maßnahmen zur Rettung der deutschen Wirtschaft finanziert werden sollen. „600 Milliarden Euro werden nach IW-Berechnungen in den kommenden zehn Jahren für eine zukunftsfähige Infrastruktur – und damit für die Volkswirtschaft – nötig sein. Solange die Bundesregierung in dieser Frage nicht auf einen gemeinsamen Nenner kommt, bringen uns alle Gipfel reichlich wenig. Wie wäre es, wenn sich die drei Akteure mal auf die Suche nach den durchaus vorhandenen Gemeinsamkeiten machten?“