Der Hamburger Schuhfilialist – die Görtz Retail GmbH – ist wieder insolvent. Das Amtsgericht Hamburg eröffnete am 20. Januar 2024 ein vorläufiges Insolvenzverfahren über das Vermögen der Görtz Retail GmbH. Das geht aus Bekanntmachungen des Amtsgerichts hervor. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter wurde demnach Dr. Gideon Böhm von der Kanzlei Münzel & Böhm aus Hamburg bestellt. Böhm wurde beauftragt, zu prüfen, ob ein Eröffnungsgrund vorliegt und gegebenenfalls, welche Aussichten für eine Fortführung des Unternehmens bestehen.
In einer öffentlichen Mitteilung erklärt die Kanzlei: „Wir befinden uns in sehr kooperativen Gesprächen mit der Geschäftsleitung. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden wir kurzfristig in einer Betriebsversammlung informieren. Zur Sicherstellung der Gehälter habe ich eine Insolvenzgeldvorfinanzierung angeregt. Jetzt werde ich mir einen ersten Überblick über die Lage des Unternehmens verschaffen.“
Wie eine Gerichtssprecherin gegenüber schuhkurier erläutert, handelt es sich bei der vorläufigen Insolvenzverwaltung für die Görtz Retail GmbH um eine so genannte schwache vorläufige Bestellung. Das bedeute, dass der vorläufiger Verwalter den Handlungen der Schuldner zustimmen muss, damit sie wirksam sind. Er sei aber nicht allein verfügungsbefugt. Laufende Gerichtsverfahren würden durch das neue Verfahren derzeit nicht unterbrochen.
Auf eine schuhkurier-Anfrage erklärte die Kanzlei, sich vorerst nicht weiter zum Sachverhalt äußern zu wollen. Görtz-Geschäftsführer Bolko Kissling war nicht erreichbar.
Für das deutschlandweit bekannte Unternehmen ist es die zweite Insolvenz: Im September 2022 hatte das Unternehmen ein Schutzschirmverfahren für die Dachgesellschaft Ludwig Görtz GmbH sowie Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung für die operativen Töchter Görtz Retail GmbH und Görtz Logistik GmbH beantragt. Seinerzeit umfasste das Görtz-Portfolio 160 Filialen.
Im Frühjahr 2023 hatte die CK Technology Solutions von Unternehmer Bolko Kissling das Unternehmen übernommen. Ihn habe es gereizt, so Kissling seinerzeit gegenüber schuhkurier, das Unternehmen aus der Insolvenz herauszubringen. „Als das Unternehmen in Schieflage geriet, habe ich mich darum gekümmert“, so Kissling. Um aus der Insolvenz herauszukommen, habe er einen 18-monatigen Finanzierungsplan vorgelegt. „Dahinter liegt ein Businessplan mit langfristiger Perspektive“, so Kissling weiter. „Natürlich werden noch weitere Investments benötigt. Ich bin Unternehmer und werde mit Verständnis und klarem Konzept agieren. Ich bin allerdings auch kein Fass ohne Boden. Es muss alles Hand und Fuß haben. In dieser Firma wird nun jeder Stein umgedreht.“ Im Sommer 2023 wurde das erste Insolvenzverfahren aufgehoben.
Mit rund 40 Filialen ging Görtz unter Kissling an den Start. Der Unternehmer setzte auf neue Konzepte wie „Lounge“ (Vorauswahl an Schuhen mit Online-Anbindung für weitere Varianten und Größen, Services wie Fußscanner) und „Lifestyle“ (Kombination aus Mode und Schuhen). Im vergangenen Jahr mehrten sich Meldungen aus der Branche hinsichtlich der Zahlungsmoral des Unternehmens. Lieferanten beklagten, dass Aufträge nicht bezahlt wurden, Vermieter forderten Mietrückstände ein. Aktuell liegen beim Landgericht Hamburg Räumungsklagen für sechs Görtz-Standorte vor.