Ein wetterfühliger Markt
Wechselhafte Monate für Komfortschuhhändler
- 06.08.2024
- Annette Gilles
- 3 Minuten
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Wechselhafte Monate für Komfortschuhhändler
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Headerfoto: Der verregnete Juni hat für schlechte Umsätze bei den Komfortschuhhändlern gesorgt. (Foto: Pixabay)
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Ganzkörperschuh in Berlin (Foto: Ganzkörperschuh)
Anfangs war sie „gut“, „sehr gut“, ja sogar „sehr, sehr gut“. Dann „zufriedenstellend“, „durchwachsen“ bis „sehr durchwachsen“. Und schließlich „schlecht“ oder gar „richtig schlecht“. Die bis April größtenteils höchst erfolgreiche Saison verlor im Mai bereits an Schwung und brach im Juni dramatisch ein: das Wetter, wieder einmal. Hochwasser, Regenfälle, das Gegenteil von Sommer im ganzen Land. Und wieder einmal sitzt die ganze Branche – angesichts der Überschwemmungen allerorten geradezu buchstäblich – in einem Boot und muss zusehen, wie das schöne Plus aus den ersten vier Monaten der Saison Frühjahr/Sommer 2024 den Bach runter geht. Teilweise war das „Polster“ aber so dick, dass per Mitte Juli aufgelaufen dennoch eine schwarze Zahl da steht.
Dazu O-Töne von Komfortschuhhändlern: „Im Februar, März und April waren wir sehr zufrieden“, so Mario Budich von Ganzkörperschuh in Berlin. Der Mai blieb dann hinter dem Vorjahr zurück, der Juni rauschte mit einem Minus von 30% in den Keller, doch „aufgelaufen liegen wir noch mit 3% im Plus“. Buttmi in Darmstadt meldet: „April gut, Mai mäßig, Juni Katastrophe“, so Simon Buttmi. „März und April waren zufriedenstellend, aber der Juni war ganz schlecht, es war einfach zu kalt und zu nass“, sagt auch Barbara Metzner von Schuh Wittmann in Garmisch-Partenkirchen. „Im März/April hatten wir ein schönes Plus, das hat uns riesig gefreut“, berichtet Heidi Kraft-Gell von Schuh-Feile in Passau, „doch das Hochwasser am 3. Juni hat das Plus buchstäblich weggespült“. Einen ähnlichen Effekt hatte das Hochwasser bei Hartlmaier in München. „Bis Ende Mai hatten wir ein Riesenplus“, sagt Maximilian Bahner, „aber mit dem Hochwasser sind wir abgestürzt, und davon haben wir uns seither nicht wieder erholt.“ Bei Budde Schuhe in Detmold war der Juni zwar „richtig schlecht“, so Inhaberin Bettina Schwundeck-Schäfer, alle anderen Monate waren jedoch „sehr, sehr gut, sodass wir immer noch ein zweistelliges Plus haben“. Das Schuhhaus Wöhrle in Singen ist ebenfalls gut in die Saison gestartet, doch, so Inhaber Falk Wöhrle, „obwohl der Mai schwächer war als erhofft, können wir aufgelaufen trotzdem noch ein hohes einstelliges Umsatzplus verbuchen“. Bei Lambertz in Oberhausen-Sterkrade war es „in letzter Zeit sehr unterschiedlich: Es gab mal ein paar super Tage, dann ein paar schlechte“, sagt Inhaber Axel Lambertz. Aufgelaufen steht unterm Strich zwar noch „ein ganz kleines Plus, aber das wird sich jetzt in der Ferienzeit verlieren“.
Schuhhaus Hämmerle in Erkheim (Foto: Hämmerle)
Ausnahmen gibt es immer, daher gab es auch Komfortschuhhändler, die von der Juni-Baisse verschont blieben: Schuh Hämmerle in Erkheim etwa, weil dort, so Thomas Hämmerle, durch „die Online-Sparte ein starkes Plus“ erwirtschaftet werden konnte; oder auch Schuh Zierl in Regensburg, wo nach einem enttäuschenden Mai der Juni wieder über Vorjahr lag, und auch die ersten zehn Tage im Juli gut liefen. Zwar gab es auch in Regensburg Hochwasser, und die Donau ist nur zehn Meter vom Schuhhaus Zierl entfernt, doch glücklicherweise ist das Geschäft hoch gelegen. „Daher hatten wir eine gute Saison“, so Inhaber Joachim Zuber.
Alles in allem konnte die Saison ihr Potenzial aufgrund der klimatischen Störmanöver nicht voll entfalten. Geschlossene Ware ist zwar vielerorts hervorragend abgeflossen, offene Ware dagegen staut sich. Und auch wenn die Sonne ab Juli immer wieder für ein, zwei Tage einen guten Job gemacht hat, konnte das Geschäft mit sommerlichen Schuhen angesichts der fortgesetzten meteorologischen Launenhaftigkeit nicht recht Tritt fassen, weil die Kontinuität fehlte. „Zwei Tage schön, dann drei Tage Regen, dann wieder ein schöner Tag – da bekommt man nicht wirklich Lust“, sagt Maximilian Bahner. „Dieses Unstete ist einfach sehr kontraproduktiv.“ Dennoch haben die überwiegend positiven Erfahrungen der ersten Monate klare Erkenntnisse gebracht.
Bestseller, nicht nur bei Lambertz in Oberhausen-Sterkrade (Foto: Axel Lambertz)
Ob bei den Damen und erst recht bei den Herren: Der Handel erlebt eine lupenreine Bedarfssaison. Gekauft wird, was wirklich gebraucht wird, da ist die Kundschaft absolut konsequent. So definieren Kundin und Kunde das Sortiment – und nicht umgekehrt. „Wir hatten vorwiegend Bedarfskäufe“, sagt etwa Simon Buttmi. Die Kaufentscheidung fiel dabei für den Schuh, der „am besten passte, der am bequemsten und am schönsten“ war. „Die Kunden sind aktuell ganz anders gestrickt, die Leute sparen, es gibt nur reine Bedarfskäufe“, bestätigt auch Heidi Kraft-Gell. Es sei denn, es gibt einen besonderen Anlass: „Dann suchen die Damen etwas schickes Neues, das möglichst so bequem sein soll wie ein Sneaker.“
Auch sonst gibt es Ausnahmen. Budde Schuhe etwa hat erheblich in Werbung investiert, von der klassischen Zeitungsannonce bis zu Social Media. Zudem profitiert man davon, dass die Mitbewerber im Einzugsgebiet mittlerweile weniger geworden sind. „Wir produzieren fleißig Reels und machen massiv auf uns aufmerksam“, sagt Bettina Schwundeck-Schäfer. Dadurch sind „ganz neue Kundinnen gekommen, die oft gleich zwei Paar in einer höheren Preislage mitgenommen haben“, und der Herrenschuhanteil konnte von 12% auf 18% gesteigert werden. Auch Standorte mit hoher Kaufkraft und einer tendenziell höheren Konsumneigung als im Rest des Landes, München etwa, mögen eine Ausnahme bilden. Bei Hartlmaier zum Beispiel waren die Leute in der ersten Saisonhälfte nämlich „super drauf, egal ob Damen oder Herren“, so Maximilian Bahner. „Sie haben nicht nur ein Paar, sondern gleich zwei oder drei mitgenommen“. Das seien wohl auch Nachholeffekte gewesen, aber sicher auch Lustkäufe. Von solchen Ausnahmen abgesehen, war die Kaufstimmung von Pragmatismus geprägt.
Falk und Fanni Wöhrle, Schuh Wöhrle in Singen (Foto: Wöhrle)
Und wo Vernunft regiert, rückt der Preis in den Vordergrund. In vielen Häusern übten sich die Kunden in strenger Kostendisziplin – auch dort, wo das in der Vergangenheit nicht unbedingt der Fall war. 100 oder 120 Euro ist dort die Preisschwelle der Stunde. Aber auch wenn auf breiter Ebene der Preis über ein Ja oder Nein zum Schuh entscheidet, gibt es doch immer wieder Händler, die über ihre Kern-Klientel hinaus einen erweiterten Kundenkreis erreichen, und dadurch ergeben sich mitunter Spielräume: Mancher lässt sich dann für einen tollen Schuh begeistern, auch wenn der seinen Preis hat. Standort, Mikro-Lage und Einzugsgebiet spielen hier eine entscheidende Rolle. Dazu zwei Beispiele. Bei Ganzkörperschuh in Berlin, modisch, mutig, qualitätsorientiert, zeigt sich ein neues Preisbewusstsein. „Die stärksten Marken waren in dieser Saison diejenigen, die unter der 100 Euro-Schwelle blieben“, beobachtet Mario Budich. Es waren „nicht die bewährten Bequemschuhmarken, die sich am besten verkauften“, es waren die mit dem attraktivsten Preisschild. Spitzenreiter waren TBS und Softinos, „das ging beides sehr gut“. Ließ sich die Kundschaft von besonders schönen und ausgefallenen Modellen auch mal verführen? „Kaum“, sagt Budich. „Wir hatten zum Beispiel Xsensible, diese sehr schönen Sneaker für 230-240 Euro, im Einkauf gut bewertet, aber sie sind diesmal nicht besonders gut gelaufen“. Gegenbeispiel: Lambertz in Oberhausen-Sterkrade. „Hier in Sterkrade lebt jeder Dritte von Transferleistungen“, erzählt Axel Lambertz. Aber: Ein Teil der Kundschaft kommt auch aus Dinslaken und anderen Städten in Umkreis, und „bei diesen Kunden spielt der Preis keine Rolle, wenn der Schuh genau der richtige ist“. Xsensible-Sneaker zum Beispiel, die Lambertz in der zweiten Saison führt, „haben wir sehr gut verkauft“.
Ob eine Kundin die Möglichkeit hat, das teurere Produkt zu wählen, hängt von ihren persönlichen Lebensumständen und ihrem Portemonnaie ab; auch von Unsicherheit und Ängsten, von der Stimmung in ihrem sozialen Umfeld. All das ist derzeit nicht zu unterschätzen. Einfluss darauf hat der Handel naturgemäß nicht. Umso entscheidender ist es, die spezifischen Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden genau zu analysieren und mit dem Sortiment sensibel darauf einzugehen; und wenn möglich Spielräume zu identifizieren, und seien sie auch noch so filigran, in denen Preisschwellen nicht aus Beton sind.
„Wir produzieren fleißig Reels und machen massiv auf uns aufmerksam. Dadurch sind ganz neue Kundinnen gekommen, die oft gleich zwei Paar in einer höheren Preislage mitgenommen haben“
Bettina Schwundeck-Schäfer|Budde Schuhe
Die Voraussetzung für beides sind Produkte, die funktionell, qualitativ und optisch zu 100% überzeugen. „Wir brauchen wirklich viel Funktionalität“, sagt Falk Wöhrle. „Wechselfußbett, Klettverschluss vorn und bei Sandalen auch hinten, RV statt Schnürung, mehr Auswahl an Weiten, Stretchmaterial: Wir brauchen Produkte, die Probleme lösen und gut aussehen.“ Jedes noch so kleine Plus an Komfort kann bei der Kaufentscheidung das Zünglein an der Waage sein. Bei zwei gleichermaßen passenden Modellen greift die Kundin zum „noch bequemeren“ Schuh, und schließlich entscheidet noch die Optik. Und dabei war in dieser Saison bei Schnürschuhen und Sneakern einerseits Helligkeit erfolgreich, viele Kunden haben gezielt nach weißen und hellen Schuhen gefragt. Andererseits war auch Farbe ein Top-Thema. „Farbe brachte den richtigen Impuls“, sagt Mario Budich, „wir haben ganz viel Orange verkauft, aber auch Lila, viele Pastelltöne und Rotnuancen“.
Bei Hartlmaier ging „jede Farbe, die wir da hatten“, so Maximilian Bahner. „Dunkelblau stand an erster Stelle, gefolgt von Lila, Pink und Grün“, meldet Joachim Zuber von Schuh Zierl in Regensburg. Favoriten waren vielerorts Multicolor-Sneaker. „Sneaker im Material- und Farbmix und mit kontrastierenden Sohlen liefen sehr gut“, sagt Heidi Kraft-Gell, „der Renner war ein Sneaker mit pinkfarbener Sohle, Leoprint und goldener Ferse“. Apropos Gold: Wie sieht es mit Glitzer aus? „Es darf nicht zu viel sein. Shiny Materialien ja, aber bloß keine pompösen Steine oder Ketten.“ Neue Schuhtypen wie Mokassin oder Loafer sind bis dato nur hier und da ein relevantes Thema, in Pink oder Silber etwa, allerdings funktionieren sie eher in einem modisch orientierten Umfeld. Bleibt die Frage nach offener Ware: Sandalen & Co. haben sich bisher wetterbedingt schwergetan. „80% geschlossene/20% Falk und Fanni Wöhrle, Schuh Wöhrle in Singen offene Ware“, das ist das Verhältnis beispielsweise bei Budde Schuhe, häufig ist der Sandalen-Anteil noch geringer. Viele berichten noch Anfang/Mitte Juli, dass die offene Ware „wie Blei“ in den Regalen steht. Inwieweit die Nachfrage noch an Fahrt aufnimmt, steht in den Sternen. Wenn auch der Hochsommer noch in regelmäßigen Abständen von Wolken und Regen sabotiert wird, fehlt der zwingende Bedarf, und viele Kundinnen werden den Sandalenkauf aufs nächste Jahr verschieben. Sollte die offene Ware per 31.8. nicht noch in nennenswerten Stückzahlen abfließen, werden die zu erwartenden Bestände sich auf die Order in dieser Warengruppe spürbar auswirken. Ohnehin will mancher Händler noch stärker auf geschlossene Ware setzen. Doch ob geschlossene oder offene Ware, es scheint, dass Firmenkonjunkturen gerade in dieser betont bedarfsaffinen und preissensiblen Saison ein wichtiger Umsatz-Motor sind. Bestimmte Produkte werden auf die Frage nach den Bestsellern der Saison besonders häufig genannt. Dazu gehören aktuell insbesondere Waldläufer (Renner: der Multicolor-Sneaker) sowie TBS und Softinos, deren Leichtigkeit und Luftigkeit die Komfortschuh-Klientel besonders schätzt, nachfolgend Rolling Soft (nicht zuletzt auch bei Herren) sowie Rieker.
Durchweg positiv werden übrigens Barfußschuhe besprochen, unabhängig vom Fabrikat. „Wir sind sehr überrascht, wie gut das einschlägt“, berichtet Bettina Schwundeck-Schäfer, die sich für ein in Italien produziertes Produkt in den Preislagen 179/189 Euro entschieden hat. „Wir führen sie in der ersten Saison und haben bereits 40% Abverkauf.“ Dadurch würden auch ganz neue Kunden angelockt. Was zunächst als Test gedacht war, wird sie „auf jeden Fall fortsetzen und für nächstes Jahr das gleiche Volumen disponieren“.
Angesichts des launischen Wetters wird bei Schuh-Feile in Passau Mitte Juli schon neue Herbstware präsentiert, durchaus mit Erfolg. „Grün ist im Frühjahr gut gegangen, und auch die neue Ware in Grüntönen wie Tannengrün, aber auch in Schwarz, ob in Lack oder Leder weckt schon spürbar Interesse“, beobachtet Heidi Kraft-Gell. Das macht Mut für die neue Orderrunde. „Sehr modisch orientiert, mit viel Farbe“ ist Schuh-Feile stets gut gefahren, damit hat man auch aktuell Erfolg. „Bei dieser Strategie bleibe ich, das vertiefe ich noch“, so Kraft-Gell. Auf Neuheiten setzt sie grundsätzlich, so auch in der nächsten Orderrunde, denn „Neuheiten sind unbedingt erforderlich.“