Inwieweit hat die Corona-Pandemie die Lederproduktion in Deutschland beeinflusst oder beeinträchtigt?
Andreas Meyer: An der Anzahl der Betriebe und deren Beschäftigten hat sich aufgrund von Corona nichts geändert. Aber die Gerbereien hatten wie alle anderen Branchen Probleme mit den verordneten Schließungen. Dabei muss man nach verschiedenen Bereichen unterscheiden. Bei den Komplettschließungen war quasi die ganze Welt in Aufruhr, fast alle waren gleichermaßen betroffen. Dann kam es zu Schließungen bestimmter Bereiche. Während beispielsweise die Schuhgeschäfte im Lockdown waren, durften die Baumärkte und Möbelhäuser weiter öffnen. Insofern gab es weiterhin Nachfrage nach Leder. Der Automobilsektor war sehr volatil. Es gab Phasen mit starker Nachfrage und dann wieder Auftragsstopps. Das hat zu extremer Verunsicherung geführt. Die deutschen Gerber produzieren Leder vorrangig für die Automobil- und Möbelbranche, aber auch für Schuhhersteller. In etlichen Gerbereien wurde die Produktion zurückgefahren, bis hin zur Kurzarbeit. Hinzu kam die Sorge vor der Quarantäne. Ein Werk steht, wenn die Beschäftigten krank sind. Die Abstimmung mit den Behörden, vor allem den Gesundheitsämtern, war oft schwierig. Im Grenzgebiet zu Tschechien, wo einige Gerbereien ihren Sitz haben, gab es Probleme mit den Grenzschließungen. Es mussten Lösungen für die LKW-Fahrer gefunden werden. Kurzum: Es waren spannende Zeiten.
Was meinen Sie damit konkret?
Früher gab es eine risikobasierte Vorgehensweise. Es gab gefährliche Stoffe wie zum Beispiel FCKW. Man wusste, diese Stoffe sind gefährlich und müssen eliminiert werden. Das ist gut und richtig so. Betrachten wir die Chemikalien, die unsere Branche verwendet als einen Werkzeugkasten. Die einzelnen Chemikalien, die bei der Gerbung benötigt werden, sind, um in diesem Bild zu bleiben, Hammer, Zange und Zollstock. Nach und nach wurden Chemikalien verboten oder stark eingeschränkt – man musste also bereits auf viele Werkzeuge verzichten. Jetzt möchte man auch noch den Hammer, später auch die Zange rausnehmen. Nur: Allein mit dem Zollstock oder mit lustigen Sprüchen können wir nicht gerben. Wir brauchen Chemikalien, sonst wird aus der verderblichen Haut kein Leder. Jedes Wirken hat auch Auswirkungen, die man nicht möchte, das ist uns bewusst. Aber das Abwägen zwischen Nutzen und Kosten, die Wahrung der Verhältnismäßigkeit, das geht für mich derzeit verloren. Ein Beispiel ist die aktuelle Diskussion über Bisphenole. Sie werden vor allem bei der chromfreien Gerbung in der Nachgerbung benötigt, weil sie unter anderem die Geschmeidigkeit und Weichheit des Leders bewirken. Zu Bisphenolen gibt es in der Lederproduktion derzeit keine Alternativen. Das Thema ist sehr komplex und für die Verbraucher kaum zu bewerten. Ein anderes Beispiel ist Chrom VI, das unter anderem bei längerer Lagerung von Ledern und Schuhen unter bestimmten Bedingungen entstehen kann. Und es betrifft auch Chrom III: Die Messung von Chrom VI funktioniert bis zu einem Grenzwert von bis zu 3 ppm. Nun soll der Grenzwert in der EU auf 1 ppm sinken. Dafür gibt es keinen plausiblen Grund – außer, dass der Grenzwert im Textilbereich bei 1 ppm liegt. Das ist für uns mit großem Aufwand verbunden, birgt Risiken, was die Präzision der Messergebnisse betrifft, und es sorgt für zusätzliche Verunsicherung bei den Verbrauchern, ohne wirklichen Nutzen. International sieht man das als Handelshemmnis, sollte diese Regelung umgesetzt werden. Nicht zuletzt wird es die Unternehmen in der EU schwächen.
In der Schuhbranche wird über Leder und Lederalternativen diskutiert. Neue Anbieter kommen mit veganen Ansätzen auf den Markt. Glauben Sie, dass Lederalternativen „besser“ sein könnten als echtes Leder?
Hier möchte ich noch einmal an frühere Zeiten erinnern: Die Menschen hatten immer großen Respekt, geradezu Ehrfurcht vor der Natur und auch vor den Tieren, die sie ernährten. Es wurde alles vom geschlachteten Tier verwendet. Und ein Schnitzel war ein Schnitzel. Heute bedeutet eine vegane oder vegetarische Lebensweise, dass man nicht groß verzichten oder etwas ändern muss. Es hat sich eine gigantische Indus-trie mit veganen Produkten entwickelt, die in Geschmack und Konsistenz versucht dem echten Fleisch nahezukommen. Sogar traditionelle Fleischhersteller sind in diesem Segment zu finden. Und deshalb gibt es heute ein veganes Schnitzel im Kühlregal. Für unsere Branche bedeutet das, dass Produkte auf dem Markt sind, die als Leder bezeichnet werden, aber nichts mit der tierischen Haut zu tun haben. Wir bemühen uns, den Begriff Leder vor dem missbräuchlichen Einsatz zu schützen. Aber wir sehen auch hier viele Missverständnisse. Leder ist ein Material, das seit Jahrtausenden genutzt wird. Es ist gewachsen, schützt vor Kälte, kann Feuchtigkeit aufnehmen und verfügt damit über Eigenschaften, die ein veganes Material nicht hat. Pilzfasern, aus denen Leder-
alternativen hergestellt werden, können nicht wärmen und sind nicht klimaregulierend. Und auch Apfelschalen können diese Schutzfunktionen nicht leisten. Auf der anderen Seite ist Leder nicht für jede Nutzung geeignet. Dafür gibt es zum Beispiel Gummistiefel.
Wie können Lederhersteller auf den „veganen Trend“ reagieren?
Gar nicht. Leder ist Leder und vegan ist vegan. Es gibt natürlich Weiterentwicklungen in der Art, wie Leder hergestellt wird. Da ist schon viel gemacht worden. Initiativen wie die Leather Working Group sind gute Beispiele dafür. Sie sorgen für Transparenz und verbesserte Bedingungen in den Gerbereien. Jeder versucht einen Weg zu finden, um die Dinge besser zu machen. Schwierig wird es, wenn versucht wird, andere zu missionieren. Es ist ja beispielsweise immer die Rede vom Methanausstoß von Rindern und dessen Anteil am CO2-Gehalt in der Atmosphäre. Aber dieses CO2 ist auch wichtig für die Photosynthese von Pflanzen. Es ist ein Kreislauf. Bei Kunststoffen gibt es diesen Kreislauf nicht. Solange die Menschen Fleisch essen, fallen Häute an. Wir müssen mehr Aufklärung leisten, aber das ist nicht immer einfach.
Die Preise steigen in allen Bereichen – auch bei den Zulieferern der Lederindustrie. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung – konkret: Wie viel Preissteigerung verträgt der Markt?
Ich glaube, wir haben das Ende der Preissteigerungen noch nicht erreicht. Die Kosten für Strom und Gas sinken bereits, aber das wird sich relativieren. Die Betriebe versuchen, Energie zu sparen. Aber da ist schon viel Potenzial geschöpft worden. Auch die Kosten für Chemikalien sinken, wir haben jedoch über Jahre preiswert eingekauft. Der Markt für Gerbchemikalien ist auch aus diesem Grund zwischen wenigen Anbietern aufgeteilt. Ein weiterer Aspekt sind die Schlachtzahlen, die derzeit eher gering sind und die damit verbundenen Preise für Rohware. Die Gerber müssen also genau kalkulieren, innovativ bleiben. Allerdings ist nicht zu übersehen, dass andere Länder Wettbewerbsvorteile haben. 2023 wird auch vor diesem Hintergrund ein spannendes Jahr werden.
Mit den Modetrends im Schuhbereich verändern sich auch die Anforderungen an Leder – Stichwort Farben, Oberflächen und Haptik. Wo gewinnen Lederhersteller neue Impulse für diese Trends, um sie frühzeitig bereithalten zu können?
Wir sind beim Material eingeschränkt. Die Eigenschaften von Leder, die ein Leder so einzigartig machen, müssen erhalten bleiben. Die Produkte, die Gerbereien zur Verfügung stellen, müssen häufig sehr viele Anforderungen erfüllen. Dabei muss man aufpassen, dass Leder nicht am Ende ein schlechteres Plastik wird. Modische Entwicklungen gibt es vorrangig bei den Farben. Wir orientieren uns unter anderem auf der Lineapelle in Mailand und an den Impulsen von Modeurop.
Stichwort Nachhaltigkeit: Gibt es bei den Gerbmethoden Trends in Richtung mehr pflanzlicher Gerbstoffe? Und wo liegen Grenzen in dieser Entwicklung?
Unser Verband ist engagiert über die Forschungsgemeinschaft Leder. Dort wird gemeinsam versucht, was man alleine nicht schafft. Natürlich wird an neuen Gerbverfahren gearbeitet. Da sind wir in Europa schon recht weit. Das ist aber auch mit hohen Kosten verbunden. In diesem Zusammenhang muss man auch einen Blick auf die globale Lederindustrie werfen. Wenn wir es schaffen, weltweit die Standards für die Lederfertigung anzuheben, wird weltweit die Produktion besser, aber auch teurer. Das würde qualitativ niedrig produzierende Gerber in Drittländern fordern, da sonst die Nachfrage nach Leder dort sinken würde, und möglicherweise würde die Nachfrage nach Leder aus Europa steigen. Diese Länder müssten sich keine Sorgen machen, da wir hier in Europa nicht das Leder für die ganze Welt herstellen können. Aber es würde der Umwelt und den Mitarbeitern nutzen.
Wie sah es bei den Gerbereien in Europa und weltweit aus?
Einige Werke kamen beispielsweise nicht an benötigte Häute aus anderen europäischen Ländern. Es gab keine Container. Für die Gerbung dringend benötigte Chemikalien hingen in Häfen fest. Die Störungen der Lieferketten haben nahezu alle Sektoren beeinträchtigt – auch die Lederproduktion. Und die Auswirkungen spüren wir immer noch.
Wo sehen Sie aktuell für die Branche die größten Herausforderungen?
Besonders wichtig ist das Thema Umwelt, vom CO2-Fußabdruck bis hin zum Energieverbrauch. Hinzu kommt der Standort Europa und das von der EU regulierte Chemikalienrecht. Wir und die Unternehmen, die unserem Verband angeschlossen sind, führen viele Diskussionen mit Behörden, gerade zum Thema Chemikalien. Wenn man auf die zurückliegenden Jahrzehnte blickt, kann man deutlich sehen, dass die Umweltverschmutzung deutlich verringert wurde. Luft, Böden und Gewässer sind deutlich sauberer als noch in den Siebziger Jahren. Das Ziel, das Umweltschutz-Organisationen erreichen wollten, ist also schon deutlich näher gerückt. Aber es gibt immer neue Erkenntnisse und neue Messverfahren – und damit kommen immer neue Anforderungen.