Was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie an den Schuhhandel in Deutschland denken?
Ich habe in den vergangenen Jahren tolle und positive Erfahrungen im Schuhhandel gemacht. Viele Schuhhändler haben sich aber nicht weiterentwickelt. Das ist ein Problem, denn der klassische, markenübergreifende Handel hat ausgedient. Ich gebe diesem Konzept noch fünf bis zehn Jahre. Das betrifft den Schuhhandel ebenso wie viele weitere Branchen. Vollsortiment-Geschäfte ohne jegliche Spezialisierung werden in Zukunft nicht mehr funktionieren. Das will kein Kunde mehr. Diese Händler haben von allem zu wenig im Sortiment und sie sind in keinem Bereich Experte. Mit Blick auf Preis, Produkt, Beratung und Auswahl steht dieses Geschäftsmodell immer auf der Verliererseite. Das ist eine harte Aussage, das weiß ich. Aber dieser Entwicklung müssen wir uns stellen und dürfen nicht die Augen verschließen. Wenn wir uns dessen bewusst und bereit für Veränderungen sind, dann ist da auch für jeden Händler eine Chance.
Was folgt daraus?
Wir müssen lernen, Pizzabote zu werden. Es wird in Zukunft nicht mehr ausreichen, im Geschäft zu stehen und auf die Kunden zu warten. Wir müssen raus aus den Läden! Man wird künftig noch am selben Tag in einem gewissen Umkreis Schuhe zu den Kunden nach Hause liefern müssen. Wenn das jede kleine Pizzeria schafft, kann das der Schuhhandel auch. Dieser Service wäre ein echtes Alleinstellungsmerkmal gegenüber dem Onlinehandel. Bei Rose machen wir das mit „Rose at home“ bereits sehr erfolgreich. Außerdem muss sich der Handel spezialisieren. Nur durch eine hohe Produktkompetenz kann er sich wieder zu einem Magneten entwickeln, der die Kunden anzieht. Das ist im Übrigen keine Frage der Größe, sondern kann auch kleineren Unternehmen gelingen. Aber nochmal: Die Mitte ist tot.
Was macht Corona mit dem Markt?
Durch die Pandemie hat sich die Marktbereinigung deutlich beschleunigt. Dabei kann ich verstehen, dass im vergangenen Jahr alle durch Corona eiskalt erwischt wurden. Aber der zweite Lockdown war im vergangenen Sommer bereits absehbar. Wir haben öffentlich darauf hingewiesen und andere Händler darauf eingestellt. Deswegen habe ich auch die Initiative „Händler helfen Händlern“ ins Leben gerufen: Wir müssen uns zusammenschließen, voneinander lernen, Netzwerke bilden. Nur so können aus der Krise neue Chancen entstehen. Jeder ist eingeladen von uns und den Kollegen zu lernen.
Wird es nach dem Ende der Pandemie eine Renaissance des Handels geben?
Wir werden folgendes erleben: Nach dem Ende der Pandemie und der Aufhebung der Beschränkungen werden die Menschen in die Städte rennen, weil sie gierig nach dem stationären Einkaufserlebnis sein werden. Dieser stationäre Hype wird aber schon nach kurzer Zeit wieder abflachen und die Menschen werden wieder verstärkt online kaufen. Viele Menschen haben im vergangenen Jahr festgestellt, wie bequem das Shoppen vom Sofa ist. Mittelfristig wird sich der Onlineanteil bei 40% vom Gesamtumsatz einpendeln.