Letztes Wochenende in Berlin. In Kreuzberg stehen Zelte auf dem Bürgersteig. Menschen haben es sich in Camping-Liegestühlen gemütlich gemacht – soweit das möglich ist bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Die ersten waren sogar schon vor dem Wochenende da. Einige kommen aus Nordrhein-Westfalen, andere aus Polen. Es gibt Bier und Würstchen. Die Stimmung ist entspannt – „gechillt“, wie es heute heißt.
Ähnlicher Andrang herrscht zeitgleich in Berlin-Mitte. Hier warten dicht an dicht Menschen bzw. kommen im Zweistundentakt zum Standort, um ihren Namen auf einer Warteliste abhaken zu lassen. Der älteste, der hier geduldig ausharrt, ist 81 Jahre alt.
Nachdem bekannt wurde, dass der Sportartikelhersteller Adidas gemeinsam mit den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) am 16. Januar einen Sneaker auf den Markt bringen würde – wobei ’auf den Markt‘ kaum die richtige Bezeichnung ist, schließlich gibt es nur 500 Paar des Modells –, machten sich Fans auf den Weg zu den beiden Kultstätten in der Hauptstadt; dem Sneakerstore ’Overkill‘ in Kreuzberg und dem Adidas Originals Store in Mitte. Es herrschte tagelang Ausnahmezustand. Hunderte Menschen waren gekommen, um ein Paar Sneaker im Wert von 180 Euro zu ergattern. Das ist wahre Leidenschaft. So schafft man Begehrlichkeit. Mit Schuhen, wohlgemerkt.
Dass in die Lasche der Sportschuhe mit dem berühmten BVG Fleckenmuster eine Jahreskarte für den Berliner ÖPNV zum Schnäppchenpreis eingearbeitet ist, dürfte bestenfalls ein netter Nebeneffekt sein. Wer hier in der Kälte bibberte und auf den Verkaufsstart am 16. Januar um 11 Uhr wartete, dem ging es nur um den Schuh als solchen. Wann hat es das zuletzt im klassischen Schuhhandel gegeben? Wenigstens annähernd? Kann sich jemand erinnern? Es muss lange her sein.
Zweifellos ist in unserer Branche schon viel passiert. Das Produkt Schuh wird auch marketingseitig stärker fokussiert; es gibt Kooperationen mit Designern und Testimonials, die sozialen Netzwerke werden professionell bespielt, technische Weiterentwicklungen sorgen für interessante Stories, die der Handel erzählen kann. Und dennoch: Den richtigen Paukenschlag gibt es nicht. Das Event mit nachhaltigem Wow-Effekt. Unsere Branche bleibt brav und bescheiden. Womöglich halten es Unternehmen im Schuhbusiness gar nicht für möglich, Aktionen von wirklich großer Strahlkraft auf die Beine zu stellen.
Vielleicht aber sollten Events wie jüngst in Berlin zum Anlass genommen werden, einmal wirklich neu – und vielleicht auch quer zu denken. Womöglich auch neue Leute ranzulassen. Und bevor Sie jetzt abwinken: Gute Ideen sind nicht zwingend eine Frage des Geldes. Sondern vor allem eine Frage der Kreativität.