Das große Ganze
Analyse zu Innenstädten
- 02.11.2023
- Christian Kandlin
- 3 Minuten
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Analyse zu Innenstädten
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Headerfoto: Leerstand kann die gesamte Innenstadt gefährden. Um eine interessante City zu gewährleisten, müssen alle Akteure zusammenarbeiten. (Foto: Adobe Stock)
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Die Gründe für den Leerstand sind vielfältig, sehr häufig sind es Geschäftsaufgaben, quer durch alle Branchen. Denn der Einzelhandel ist nicht zuletzt durch Corona, Personalmangel und enorme Kosten auf die ausreichende Kundenfrequenz angewiesen, und diese braucht gute Bedingungen. Dazu gehört unter anderem eine attraktive Innenstadt. Schwierig, wenn diese gleichzeitig mit Leerständen zu kämpfen hat, die das Gesamtbild beeinträchtigen. Und dabei sind diese nur ein Teil des Problems.
Entwicklung der Passantenfrequenzen in deutschen Innenstädten (Quelle: Hystreet)
Zweifellos sind Kauflust und Kundenfrequenz nicht allein von der Gestaltung der Innenstädte abhängig – die Konsumzurückhaltung hat oft genug auch mit den für alle steigenden Kosten zu tun. Genau so können Konsumenten heute ihre erwünschten Produkte lieber über Online-Wege erstehen. Gleichzeitig meldet jedoch der BEVH, dass die Onlineumsätze mit Schuhen im dritten Quartal 2023 einen starken Rückgang aufweisen. Viele Konsumenten kaufen kaum noch etwas. Immerhin: hystreet.com, Plattform für Passantenfrequenzen in deutschen Städten, zeigt, dass sich trotzdem wieder Menschen in die Innenstädte begeben. Die Frequenzen scheinen sich zu erholen.
Die Hystreet-Studie zeigt, dass die Innenstädte im ersten Halbjahr 2023 trotz der schwierigen Marktbedingungen belebt gewesen sind. So stiegen die Passantenfrequenzen in den deutschen Städten im Vergleich zum Vorjahr um immerhin 4%. Das Wachstum bremste im Sommer aufgrund der großen Hitze zwar ab und nach wie vor hatte man mit einem leichten Rückgang der Verbraucherstimmung zu kämpfen. Julian Aengenvoort, Geschäftsführer der hystreet.com GmbH, sieht sich dadurch jedoch nicht entmutigt: „Insgesamt zeigen die sich grundsätzlich positiv entwickelnden Passantenfrequenzen aber, dass die Folgen der Coronakrise weitgehend überwunden sind und das weiterhin wirtschaftlich schwierige Umfeld bislang nicht wesentlich auf die Besucherzahlen in den Innenstädten durchschlägt.“ Was jedoch nicht bedeuten soll, dass die Zahlen ein rosiges Bild zeichnen: Die belebtesten Innenstädte Deutschlands verzeichneten im zweiten Quartal einen Frequenzrückgang von durchschnittlich -18%, nachdem das erste Quartal mit 33% durchweg positiv verlief. Für das dritte Quartal meldet Hystreet eine Frequenzentwicklung von nahezu null. „Wir sehen, dass die Frequenzen wieder zunehmen“, beschreibt Boris Hedde, Geschäftsführer des IFH Köln. „Das Problem ist aber, dass der Handel davon nicht so profitieren kann, wie er es sich wünscht.“
Passantenfrequenzen, Leerstände, Innenstädte: Wie hängen diese drei Faktoren nun miteinander zusammen? Während der Corona-Pandemie konnte jeder Händler am eigenen Leib spüren, was es bedeutet, wenn Lockdown ist. Auf dem diesjährigen BTE-Kongress, der im September in Köln stattfand, erklärte Tanja Kolb, Geschäftsführerin vom Modehaus Müller-Ditschler, wie sich die Schließung der Gastronomie in der Umgebung unmittelbar in den Umsätzen des Modehauses abzeichnete: „Hatten die Restaurants geschlossen, bedeutete das für uns 30% Minus.“
Innenstädte sind auf gefüllte und belebte Geschäfte angewiesen, was bei leerstehenden Flächen nicht möglich ist. Dies nagt unterdessen ständig an den Passantenfrequenzen. „Leerstand wirkt negativ, aber schleichend“, erklärt Julian Aengenvoort weiter. Boris Hedde stimmt dem zu: „Wenn Leerstände erst einmal sichtbar sind, befeuern sie häufig weitere. Dadurch kommt es zu einer kontinuierlichen Abwärtsspirale in Sachen Attraktivität vor Ort.“ Leerstände ziehen also weitere Leerstände an. Gleichzeitig zieht es bei vielen und lange andauernden Baustellen und so mancher hässlichen Betonwüste ohnehin schon deutlich weniger Konsumenten in die deutschen Innenstädte oder Einkaufsstraßen – und dann auch immer seltener, um tatsächlich Konsumausgaben zu tätigen.
Selbst die Luxusmeile Königsallee in Düsseldorf ist nicht vor Leerständen sicher. (Foto: Redaktion)
„Der Handel war bisher die dominierende Funktion der Innenstädte“, heißt es in einem Kommentar von Michael Reink, Bereichsleiter Standort & Verkehr des HDE. „Viele Städte wurden nur aufgrund der strategisch günstigen Lage an einem Handelsweg gegründet – das Baurecht wurde in entscheidenden Passagen nur für die Steuerung der Handelsansiedlung geschaffen.“
Demnach sei in den meisten Fällen das Stadtzentrum mit seinen Einkaufsstraßen und Marktstrukturen auf den Handel aufgebaut worden – und nach wie vor von diesem abhängig. Dabei sind die Gründe für den Innenstadtbesuch seit Jahren nicht mehr allein auf den Handel zurückzuführen. Sie dient auch als Sammelbecken für Restaurants, Dienstleister und vor allem: sozialen Austausch. In dem Sinne zeichnet sich schon lange ab, dass die alte ursprüngliche Vorstellung von Innenstädten nicht mehr zukunftsfähig ist. Das Konzept wurde in dieser Form jedoch fortgeführt, weil es nun einmal über lange Zeit funktioniert hat. „In der Vergangenheit wurden Innenstädte sehr monostrukturell auf den Handel ausgerichtet“, erklärt IFH-Chef Boris Hedde. „Auch heute nach Corona ist Einkaufen das Hauptmotiv für den Besuch der Innenstadt – aber eben gepaart mit weiteren Motiven.“ Die sich daraus ergebende Schlussfolgerung ist für den Experten klar: „Das heißt, dass Innenstädte, die nur auf den Handel setzen, es schwierig haben werden. Ebenso werden aber auch Innenstädte keinen Erfolg haben, die den Handel ausklammern.“
Baustellen beeinflussen das Stadtbild negativ und können Passanten am Verkehr einschränken. (Foto: Redaktion)
Um aus dieser Zwickmühle herauszufinden, stellt sich die Frage, was der Begriff „Innenstadt“ in der heutigen Zeit eigentlich bedeutet. Vom Zentrum für den Handel müssen sich die Verantwortlichen dabei teilweise lösen, aber auch von Beton- und Mobilitätswüsten. Dann muss wiederum darauf geachtet werden, dass nicht jeder Leerstand mit willkürlichen Geschäftsmodellen bespielt wird. Neben einem Burger-Restaurant sollte nicht unbedingt ein weiteres stehen, ähnlich verhält es sich mit Wettbüros und Dönerläden. Und gleichzeitig gilt: Innenstadt ist nicht gleich Innenstadt. Zur Planung und Gestaltung benötigt es viele unterschiedliche Akteure. Die Kommune ist selbstverständlich essenziell, jedoch nicht alleiniger Träger der innerstädtischen Verantwortung. Denn ebenso zählen auch der Handel sowie die Immobilienwirtschaft zu den Kernsäulen der Innenstadtplanung. Wenn sich die Eigentümer und Makler nicht an die Spielregeln der Innenstadt halten im Sinne der Gemeinschaft agieren, kann keine zukunftsfähige Struktur fruchten. Genauso braucht es das Zusammenspiel mit dem Handel, der sein eigenes Konzept immer wieder justiert, um damit regelmäßig für Neugier und Bedarf zu sorgen. „Die Innenstadtkonzepte müssen entlang der Bedarfe der Konsumentinnen und Konsumenten entwickelt werden“, so Hedde. „Produkte im Geschäft auszustellen und zu hoffen, dass ausschließlich die Produktkompetenz zu wirtschaftlichem Erfolg führt, ist der Ansatz von gestern. Der Handel wird in Zukunft darauf angewiesen sein, sehr viel kundenorientierter zu agieren.“ Julian Aengenvoort sieht darüber hinaus die Notwendigkeit von Kooperationen innerhalb einer Region: „Ich würde empfehlen, dass man sich als Teil des Erlebnisses ’Innenstadt‘ betrachtet. Nur gemeinsam kann man dort Erfolge feiern, wenn man sich mit anderen Agierenden wie Händlern, Gastronomie oder städtischen Akteuren, zusammentut und sich für ein entsprechend lebendiges und abwechslungsreiches Angebot in den Innenstädten einsetzt.“
Leerstände wirken sich auf alle umliegenden Geschäfte aus. Auch wenn dieser Effekt schleichend vonstattengeht. (Foto: Redaktion)
Um einen nachhaltigen Erfolg der Innenstädte zu gewährleisten, kommt es also auf jeden einzelnen Akteur an. Einen universellen Masterplan gibt es dabei allerdings nicht, wie Ariane Breuer, Geschäftsführerin der Initiative Die Stadtretter, erklärt. „Es gibt nicht die eine, immer passende Schablone. Jede Stadt muss für sich entscheiden, was für eine Stadt sie sein will.“
Damit meint Breuer den Unique Selling Point (USP), also das einzigartige Merkmal einer Stadt. Nicht zuletzt der Satiriker Jan Böhmermann kritisierte während der Sendung ZDF Magazin Royale in einem Segment, wie austauschbar die deutschen Innenstädte seien. Graue Betonbauten, triste Einkaufspassagen und ein identisches Angebot zeigen, womit sich Städte aktuell beschäftigen sollten – und worin sie vor allem investieren müssen. „Wir müssen uns von den typischen immobilienbezogenen Asset-Klassen lösen“, erklärt Breuer weiter, „das heißt: Die Immobilienwirtschaft muss in die Innenstadt als Gesamtprodukt investieren und die Lagen ganzheitlich betrachten. Dies geht nur durch kollaborative Quartiers- und Projektentwicklung.“
Ariane Breuer setzt sich mit den Stadtrettern genau hierfür ein. Als interkommunales Netzwerk verbinden die Stadtretter bereits über 1.200 Kommunen und möchten im Schulterschluss neue Standards schaffen. Dabei befindet sich das Netzwerk auch mit den weiteren, essenziellen Akteuren im ständigen Austausch. Die rund 100 Player umfassen dabei die Immobilienwirtschaft, die Privatwirtschaft, aber auch den Handel, Verbände und Institute sowie Politik. Die Grundidee: Gemeinsam Lösungen finden, die möglichst bundesweit gelten und geteilt werden können, „um das Rad nicht jedes Mal neu erfinden zu müssen“, so Breuer. Dabei entstehen Tools, mit denen alle Akteure einer Stadt arbeiten können: von Best Practices und Webtalks bis hin zu Analysen und Studien. Es käme vor allem auf die Einsatzbereitschaft der Kommunen an. Mittlerweile sei das Thema Innenstadtentwicklung und Leerstände jedoch bei diesen angekommen. „Ich habe von Kommunen gehört: ’Wir trauen uns jetzt, zu scheitern‘, wo man sich vorher noch vor negativer Presse gefürchtet hat“, erzählt Breuer. Anfangen und sich was Trauen sei deshalb der Ansatz, der verfolgt werden müsste – und zwar dauerhaft. „Städte sind dann erfolgreich, wenn sie sich nicht ausruhen. Wenn sie resilient bleiben und sich stets hinterfragen; auch dann, wenn es gut läuft.“
Um diese Abläufe jedoch zu vereinfachen – um nicht zu sagen: zu ermöglichen – startete das Bundeswirtschaftsministerium gemeinsam mit einsatzbereiten Stadtrettern und Akteuren das Projekt „Stadtlabore für Deutschland“. Gemeinsam mit 14 Modellkommunen arbeitete man mit Fördermitteln des Ministeriums an Lösungen gegen Leerstände. Das Projekt startete 2020, inmitten der Corona-Pandemie, die auch schon in den ersten Monaten die Verbreitung der Leerstände aufzeigte, und entwickelte innerhalb von zwei Jahren technische Lösungen für Kommunen rund um das Thema Innenstadt. Entstanden ist daraus die digitale Plattform Lean (Leerstand und Ansiedlung). Hier können Kommunen Leerstände erfassen und Daten wie Passantenfrequenzen, Besucherwünschen oder demografische Strukturen festhalten. Damit kann mit Akteuren in Kontakt getreten werden, um die Bedürfnisse der Innenstadt und deren Besuchenden zu decken. Die Zielgruppe genau zu kennen sei dabei essenziell, erklärt Boris Hedde, der als IFH-Geschäftsführer auch das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz bis Ende 2022 geförderte Projekt „Stadtlabore für Deutschland: Leerstand und Ansiedlung“ mitverantwortete: „Das können Seniorinnen und Senioren in dem einen Ort sein oder Studierende in dem anderen; aber es geht darum, dass je nach Zielgruppe auch passgenaue Konzepte ausgearbeitet werden müssen.“ Lean sei also keine bundesweit einheitliche Plattform, sondern eine Server-Datenbank, die jede Kommune für sich nutzen kann. Und um den Kontakt zwischen den Vermietern und neuen Handelslösungen herzustellen, gibt es bei Lean eine Schnittstelle mit der Plattform Leerstandslotsen, die sich – der Name ist Programm – die Bekämpfung von Leerständen als Ziel genommen haben.
Hanau macht es vor: Durch regelmäßigen Kontakt mit Bürgern und Handel wurde die Innenstadt auf Vordermann gebracht. (Foto: Mediencenter Hanau)
Auf Bundesebene oder im kommunalen Kreis wird gerne über Leerstände und Stadtprobleme geredet, die Stadtretter, Stadtlabore, Lean und Leerstandslotsen machen dagegen Nägel mit Köpfen. Hanau, die Stadt, die gerne als Paradebeispiel für eine gelungene Innenstadtentwicklung genannt wird, war ebenfalls Modellstadt der Stadtlabore für Deutschland. Allerdings begab sich die Stadt auch schon davor aktiv in den Dialog mit den unterschiedlichen Stakeholdern, um sich für etwaige Herausforderungen der Innenstadtentwicklung zu rüsten. Nun eilt der Stadt ihr Ruf voraus, die Besucherfrequenzen steigen und die Leerstandsbekämpfung verläuft effektiv. Währenddessen besuchen die Stadtretter in ihrem Format „Die Stadt- retter kommen“ Städte wie zuletzt Bad Aibling oder Schlüchtern und bieten einen Blick von außen, oder helfen in Krefeld bei der Umfunktionierung einer alten Kaserne. Lean und Leerstandslotsen verknüpfen derweil die Innenstädte mit den richtigen Ideen. Das können expandierende Filialisten sein, aber auch völlig neue Konzepte, die sich erstmals in Form von Pop-Up-Stores an den Einzelhandel wagen. Von Mixed-Use, also der mehrschichtigen Nutzung einer Ladenfläche, die über den Handel hinausgeht, ganz zu schweigen. Und dann wären da natürlich auch die Stadtprojekte, die mit Vorhaben wie autofreien Innenstädten vielleicht über so manchen Strang hinausschlagen, grundsätzlich jedoch den richtigen Ansatz verfolgen. Frequenztreiber Nummer eins bleiben jedoch die Stadtfeste, erklärt Julian Aengenvoort abschließend. „Stadtfeste sind definitiv die größten Treiber für volle Innenstädte. Wer seine Stadt belebt, und das regelmäßig, und den Innenstadtkunden etwas bietet, der erlebt volle Straßen.“ Auch hier ist Hanau wieder als Vorreiter tätig: Jedes Wochenende veranstaltet die Stadt Events und Aktionen getreu eines selbst auferlegten Kampagnenplans. „Hanau macht Lust“ heißt die Idee. Und dieser Enthusiasmus macht Lust auf die Innenstadt.