Auf der Suche nach dem Mittelweg
Talkrunde mit Handel, Lieferanten und Verbundgruppen
- 22.08.2023
- Tobias Kurtz
- 9 Minuten
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Headerfoto: Diskutierten über die aktuelle Situation in der Lederwarenbranche (im Uhrzeigersinn): Peter Schwarz, Moderator Tobias Kurtz, Tobias Ockenfels, Andrea Holert, Olaf Hrastnig und Wolfgang Pachali. (Foto: Screenshot)
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Wolfgang Pachali: Die Tendenz der letzten Jahre setzt sich fort. Schwierig ist es in Centerlagen. Insgesamt sind wir zufrieden. Wir bewegen uns auf dem Niveau von 2019 bzw. 2022 um 10 Prozent nach vorne. Die Grundlage ist ok.
Tobias Ockenfels: Das kann ich nur bestätigen. Wir sind zufrieden, auch im Vergleich zum Vorjahr. Die Umsätze steigen weiter an.
Andrea Holert: Das ganze halbe Jahr über läuft Schule gut. Auch Gepäck ist stark. Aber die normale Tasche lässt zu wünschen übrig. Was ganz gut funktioniert, sind kleine Formen von Kapten & Son oder Got Bag. Da kommen junge Mädchen ganz gezielt rein und zeigen auf dem Smartphone, was sie möchten. Das trifft ziemlich den Zeitgeist.
Olaf Hrastnig: Ich kann mich nur anschließen und ergänze, dass alles, was nicht Leder ist, so bis 150 bzw. 200 Euro nach wie vor sehr gut funktioniert. Leder ab 200 Euro ist wirklich traurig. Da haben wir seit einem Jahr deutliche Rückgänge.
Tobias Ockenfels: Die Handtasche ist durch Hip Bags und Falttaschen/-rucksäcken in keiner einfachen Position und hat sicherlich Anteile einbüßen müssen. Im hochpreisigen Segment läuft sie allerdings weiterhin gut. Dort verzeichnen wir weiter steigende Umsätze.
Peter Schwarz: Ich muss teilweise widersprechen. Das erste Halbjahr lief erstaunlicherweise sehr gut für uns. Im Lederwarenhandel lag der Schwerpunkt bei vielen unseren Kunden auf Schule und Gepäck. Aber es gibt Ausnahmen: Wenn ein Geschäft ein hochwertiges Markenumfeld bietet und uns richtig präsentiert, funktioniert es sehr gut. Der modische oder auch hochwertig kaufende Kunde im Bereich Handtasche hat sich aber leider immer weiter vom Fachhandel entfernt und sucht eher den Department Store oder den Modehandel auf, die ja in der Hinsicht auch richtig Gas gegeben haben.
Die Premium-Kundin hat immer noch die finanziellen Mittel, eine Tasche zu kaufen. Ob sie es tut, ist eine andere Frage. Da geht es um das subjektive Empfinden: Muss ich die Tasche haben? Darf ich sie mir leisten? Diese Überlegungen haben zugenommen. Das merken wir schon.
Wo wir sehr, sehr große Einbrüche haben, jetzt auch schon in der zweiten oder fast dritten Orderrunde ist im Online-Geschäft. Da sind wir nicht so breit aufgestellt gewesen. Man spürt jetzt eben nicht nur die Nach-Corona-Einbrüche, sondern auch speziell in unserem Segment, also der hochpreisigeren Handtasche. Dafür geht die Kundin doch eher in den stationären Handel. Da spielt die Beratung eine Rolle.
Bei unseren Händlern wird nicht so sehr über den Umsatz diskutiert, sondern über die Marge. Die massiven Personal- und teilweise Mietkostensteigerungen können durch die Marge nicht aufgefangen werden.
Wolfgang Pachali|Assima Hoch 2
Peter Schwarz: Wir haben Ende Juni schon begonnen zu verkaufen und schließen Ende August die Order ab. Stand jetzt (8.August, Anm. d.Red.) haben 100% der Onlinehändler und ungefähr 70% der Fachhändler und Einkäufer aus Department Stores geordert. Es ist sehr, sehr heterogen. Es gibt nach wie vor Optimisten, aber jetzt doch zunehmend auch Händler und Einkäufer, egal in welchem Geschäftssegment, die verunsichert sind. Aber ich muss auch ehrlich sagen: Ich bin schon 43 Jahre im Handel tätig und konnte noch nie so schwer eine nächste Saison beurteilen wie diese. Ich habe wirklich überhaupt kein Gespür dafür, wie sich in den nächsten Monaten die Geschäfte entwickeln. Und das ist bei vielen Einkäufern und Händlern eben auch der Fall. Trotz der guten Abverkäufe unseres Produkts sind sie daher vorsichtig. Von 50% plus bis 50% minus ist alles dabei.
Wolfgang Pachali: Bei unseren Händlern wird nicht so sehr über den Umsatz diskutiert, sondern über die Marge. Die massiven Personal- und teilweise Mietkostensteigerungen können durch die Marge nicht aufgefangen werden. Das fördert die Verunsicherung und trägt mit Sicherheit noch einiges dazu bei, dass diese Verunsicherung größer geworden ist.
Olaf Hrastnig: Wir setzen verstärkt auf Basic-Ware von Lieferanten, die nachliefern können. Dadurch können wir die Vororder reduzieren und auf die wirklich spitzen Themen oder Farben beschränken und dort ins Risiko gehen. Um die Warenversorgung mache ich mir weniger sorgen. Das funktioniert wieder wie früher.
Andrea Holert: Bei uns ist das ähnlich. Bei bestimmten Farben oder Themen gehen wir selbstverständlich in die Vororder. Aber wir ordern auch sehr viel über B2B-Shops, wenn die Ware abfließt.
Ich bin schon 43 Jahre im Handel tätig und konnte noch nie so schwer eine nächste Saison beurteilen wie diese. Ich habe wirklich kein Gespür dafür, wie sich in den nächsten Monaten die Geschäfte entwickeln. Und das ist bei vielen Einkäufern und Händlern auch der Fall.
Peter Schwarz|Aigner
Tobias Ockenfels: Die Läger der Händler sind teilweise noch gut gefüllt und es sind noch keine Zeiten wie vor Corona. Daher wird die Vororder nicht wie in der Vergangenheit platziert. Wenn den Händlern, die keine Vororder tätigen die Möglichkeit zum Nachordern verwehrt wird oder gar aus der Kundenkartei gelöscht wird, dann hilft das keinem. Da muss man einen Mittelweg finden.
Peter Schwarz: Da bin ich, glaube ich, gefragt. Zunächst mal: Wir löschen niemanden. Aber natürlich erwarten wir auch letzten Endes eine Vororder, wenn jemand vom Lager sich bedienen will. Allerdings haben wir kein Vororderlimit. Wir haben die Erfahrung, dass man zusammen wächst, wenn es wirklich passt. Ich bin kein Möbelverkäufer. Ich möchte nicht, dass irgendjemand sich eine Rückhand von Aigner ,reinzimmert‘. Wenn ich am Anfang zwei Meter habe, habe ich erfahrungsgemäß nach einer Weile vier Meter.
Wir sagen den Händlern, kauft jetzt bitte keine schwarze Tasche, das könnt ihr alles nachziehen vom Lager. Wenn ihr vorordert, kauft Modelle, die den Kunden den Impuls geben, euren Laden zu betreten. Eines hat sich glücklicherweise in den letzten Jahren bestätigt: Auch in unserer Preislage kauft die Kundin Mode und Farbe. Das war vor zehn Jahren nicht wirklich selbstverständlich. Dementsprechend sind Händler auch bereit, bei uns in die Vororder zu gehen und modischen Teile sowie Farbe zu kaufen. Aber auch die halten wir vor. Der Händler muss nicht zehn kaufen, sondern eine, und wenn sie weg kann er eine andere nachziehen. Über das Jahr gesehen, machen wir 50% unserer Umsätze mit Nachorder.
Tobias Ockenfels: Genau dieses Partnerschaftliche meine ich. Der Händler lebt mit dem Lieferanten und umgekehrt. Wir versuchen auch zu vermitteln und probieren mit Lieferanten NOS-Lösungen zu finden, aus denen unsere Händler dann nachziehen können. Gerade internationale Lieferanten haben ihre Vorgaben, da müssen auch wir uns bewegen.
Andrea Holert: Wir waren vor kurzem bei einem sehr großen amerikanischen Konzern, wo wir auch immer bestimmte Vorgaben erfüllen mussten. Ich konnte die Hälfte dessen gut vertreten. Und dann sagt uns die Vertreterin: „Wir haben auch dazugelernt. Lassen Sie es so, wie es ist. Es ist alles gut.“ Vielleicht hat sie mein Gesicht gesehen und gemerkt, dass ich an einem Punkt war, an dem ich nicht mehr will.
Peter Schwarz: Wenn das Produkt stimmt und die Marke zum Händler und dessen Umfeld passt, dann kann man nur wachsen, auch in schwierigen Zeiten. Wir tun uns alle keinen Gefallen, irgendetwas in den Markt zu drücken, was sich nicht umsetzen lässt. Als ich bei Aigner angefangen habe, war die Marke speziell bei uns ziemlich verbrannt. Aigner saß auf einem sehr hohen Ross. Daher fiel es mir nicht leicht, Kunden zu gewinnen. Wir sagen seitdem, kauft das, was ihr vertreten könnt, und dann schauen wir, wie es funktioniert. Probier das ganze Spektrum, also die Tasche für 299 Euro, aber auch das Modell für 1.000 Euro beim entsprechenden Markenumfeld. Und wenn es nicht funktioniert, dann tauschen wir die Tasche aus. Man tastet sich ran und letzten Endes muss man ganz ehrlich sagen, partnerschaftliches Verhalten zwischen Marke und Händler hat sich in meinem Berufsleben immer ausgezahlt. Wenn es gar nicht passt, muss man sich eben irgendwann verabschieden. Aber beide Seiten sollten vorher erst einmal alles versuchen.
Wir versuchen auch zu vermitteln und probieren mit Lieferanten NOS-Lösungen zu finden, aus denen unsere Händler dann nachziehen können.
Tobias Ockenfels|Goldkrone
Wolfgang Pachali: Die Flächen für Taschen werden reduziert. Das Thema ist also, wie die kleinere Fläche über Inszenierung und die Beratungsqualität trotzdem besonders attraktiv gestaltet werden kann.
Andrea Holert: Wir schauen nach neuen Firmen, versuchen viel, und dann auch nicht nur einmal, sondern mehrfach, um dem Ganzen eine Chance zu geben. Wenn wir jetzt zur ILM fahren, suchen wir gezielt nach Neuheiten. Standardware bestellen wir anderweitig.
Tobias Ockenfels: Daher besuchen auch wir im September die Messe in Paris. Mit neuen Marken wollen wir uns den Händlern neue Möglichkeiten aufzeigen, um die Attraktivität am POS aufrechtzuerhalten.
Wenn wir jetzt zur ILM fahren, suchen wir gezielt nach Neuheiten. Standardware bestellen wir anderweitig.
Andrea Holert|Lederwaren Holert, Oldenburg
Olaf Hrastnig: Klar freue ich mich über neue Marken. Nur stellt sich immer die Frage nach deren Volumen. Michael Kors ist mein bestes Beispiel. Wir hatten Jahre, da war Michael Kors unglaublich. In der Zwischenzeit ist die Marke fast vom Markt verschwunden. Ich freue mich über eine neue Marke, aber wenn diese nur minimale Umsätze macht im Vergleich, dann ist das eine schöne Idee und eine nette Ergänzung, aber natürlich kein Ausgleich.
Wolfgang Pachali: Ich halte es für ganz wichtig, was Sie eben angesprochen haben. Natürlich ist das Volumen des Bestandsgeschäfts erst einmal entscheidend. Das muss optimiert werden. Das andere sind Perlen, kleine Diamanten, die man einstreuen kann, aber die in der Regel für Umsatz und Deckungsbeiträge keine nennenswerte Rolle spielen. Deswegen ganz klar ein Fokus auf Partnerschaften mit etablierten Marken. Mit einer komplett neuen Marke die Hoffnung auf Frequenz zu verbinden, halte ich für unmöglich.
Tobias Ockenfels: Das ist definitiv so. Das ist unser Grundgeschäft. Aber wir brauchen darüber hinaus Kaufanreize für neue, jüngere Zielgruppen, das gehört genauso dazu, wie mit dem Bestandsmarken gut zu arbeiten.
Olaf Hrastnig: Das ist natürlich ein wichtiger Ansatz. Aber hier spielt auch der Standort eine Rolle. Wir merken das zum Beispiel bei Plane. Das Material tut sich an unseren konservativen Standorten einfach schwer. So etwas geht in Freiburg. Man braucht einfach das Umland, dann kann man sowas pushen. Wir haben das wirklich schon oft und viel versucht und sind dann meistens daran gescheitert, weil einfach die Zielgruppe bei uns gar nicht unterwegs ist.
Dann stellt sich die Platzfrage. Wir haben ein größeres und ein kleineres Geschäft. Auf der kleineren Fläche stehe ich immer vor dem Problem, jetzt wirklich einen guten drehenden Artikel wegzulassen für etwas Neues. Das kann ich eigentlich gar nicht, weil ich meine Rendite sicherstellen muss. Es ist daher immer ein extremes hin- und herfeilschen um jeden Versuch.
Andrea Holert: Das ist nicht so einfach, da die richtige Balance zu finden.
Tobias Ockenfels: 80% liegen auf der Zusammenarbeit mit unseren guten Bestandslieferanten, das steht außer Frage. Aber den POS attraktiver zu machen und ein Einkaufserlebnis herzustellen, darf man nicht vergessen. Es ist auch eine Angelegenheit der Verbundgruppe, dass hier der Händler nicht alles alleine machen muss, sondern wir uns kümmern und Impulse setzen.
Auf der kleineren Fläche stehe ich immer vor dem Problem, jetzt wirklich einen guten drehenden Artikel wegzulassen für etwas Neues. Das kann ich eigentlich gar nicht, weil ich meine Rendite sicherstellen muss.
Olaf Hrastnig|Koffer-Ecke, Ludwigsburg
Andrea Holert: Wir hatten hier in Oldenburg vor geraumer Zeit Praktikumswochen, in denen junge Menschen innerhalb von fünf Tagen fünf Unternehmen kennenlernen können. Bei uns waren zwei 15jährige, die mir sagten, sie machen ihre gesamte Produktsuche nur noch über TikTok. Das heißt also, wenn ich nicht auf TikTok bin, kennen sie mich nicht. Diese jungen Kundinnen nehmen uns gar nicht wahr. Da muss man dann überlegen, auf welche Kanäle weite ich meine Kommunikation aus. Finde ich dort meine Zielgruppe oder nicht? Diese Frage muss man sich jeden Tag neu stellen.
Tobias Ockenfels: Diese Zielgruppe darf man nicht außen vorlassen. Wir bekommen bei Lieferanten und Händlern ständig das Feedback wie wichtig die Arbeit mit Social Media und Influencern ist, daher sind unsere Social Pals-Kampagnen gemeinsam mit den Marken nicht mehr wegzudenken.
Peter Schwarz: Ich muss gestehen, als meine Chefin Sybille Schön mir vor sieben Jahren sagte, sie wolle mehr auf Social Media setzen als auf klassische Marketing Tools, habe ich noch gesagt, „,also ich bitte dich, das können andere Marken machen, aber wir als Aigner hängen jetzt irgendeinem Mädchen eine Tasche um den Hals und dann rufen die uns alle an oder wie stellst du dir das vor?“ Ich lag komplett falsch, weil wir es als Marke geschafft haben, gerade über diesen Bereich eine sehr, sehr junge Kundin zwischen 20 und 25 Jahren anzusprechen.
Die Marke selbst muss natürlich zur Verjüngung und Wahrnehmung über Social Media beitragen, damit der Händler einen Nutzen hat. Dafür braucht man auch einmal einen Wow-Effekt. Wir beteiligen uns daher jetzt auch wieder an den Fashion Shows in Mailand. Mit den Fotos vom Runway Fotos haben wir wieder für Monate „Futter“. Das kommt letztendlich auch unseren Partner zugute, weil die Begehrlichkeit unserer Marke dadurch wächst.
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